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O’zapft is! Was reizt uns an Massenveranstaltungen wie dem Oktoberfest?

Am 22. September beginnt das diesjährige Oktoberfest in München. Im vergangenen Jahr zählte das größte Volksfest der Welt mehr als sechs Millionen Besucher aus 75 Nationen. Warum besuchen wir Massenveranstaltungen wie das Oktoberfest? Was macht deren Reiz aus? Das erklärt Prof. Dr. Thomas Fenzl, Psychologieprofessor und Experte für Massenpsychologie an der Hochschule Fresenius in München.

Jedes Jahr pilgern Millionen Menschen zum Oktoberfest und amüsieren sich bei Musik, Bier und einheimischer Kost. Die Gründe, warum sich Großveranstaltungen dieser Art solcher Beliebtheit erfreuen, sind vor allem emotionaler Natur, erläutert Prof. Dr. Thomas Fenzl. „Auf rationaler Ebene lässt sich keine Massenbewegung beschreiben“, führt er weiter aus. Das gelte für politische Bewegungen, für das Anlegerverhalten an den Finanzmärkten und eben auch für Freizeitveranstaltungen.

Menschenmasse schafft Anonymität, aber auch Zugehörigkeit

„Ein Motiv für den Besuch von Massenveranstaltungen ist die Anonymität, die der einzelne in der Masse genießt: Als einer von vielen liegt die Verantwortung für das eigene Handeln vermeintlich nicht mehr bei einem selbst. So verdeutlichte schon der Begründer der Massenpsychologie Gustave Le Bon in seinem 1895 erschienenen Werk ‚Psychologie der Masse‘, dass in der psychologisch vereinten Masse häufig andere Gesetze und soziale Regeln für das Verhalten gelten als im Alltag. Gesellschaftlich allgemein akzeptierte Normen, wie beispielsweise der moderate Konsum von Alkohol, werden in der Massenbewegung außer Kraft gesetzt und durch neue Regeln ersetzt. Massenveranstaltungen sind daher für viele ein willkommener Anlass, um ihrem Alltag zu entfliehen und ihre unterdrückten Triebe bis zu einem bestimmten Grad auszuleben, ohne dafür sanktioniert zu werden. Ein weiterer wichtiger Beweggrund, zum Oktoberfest zu gehen, ist das Gefühl von Zugehörigkeit“, so der Psychologe. „Der Mensch ist von Grund auf ein soziales Wesen, das sich in einer Gruppe wohl und sicher fühlt. Dieses Phänomen lässt sich auch bei Herdentieren beobachten. So stellt ein alleinstehendes Zebra in der Savanne eine leichte Beute für Raubtiere dar, wohingegen es in der Gruppe besser geschützt ist.“

Soziale Ansteckung: Wir machen das, was andere auch machen

Auch der soziale Einfluss und die sogenannte soziale Ansteckung – ein Begriff der maßgeblich durch den Nobelpreisträger Robert J. Shiller geprägt wurde, der damit Spekulationsblasen an Finanzmärkten erklärt – spielen eine große Rolle, wenn es darum geht, Massenveranstaltungen dieser Größe aufzusuchen. Das heißt, wir neigen dazu, uns daran zu orientieren, was andere machen. Die anderen geben uns Orientierung, oder wie es der Nobelpreisträger Thomas C. Schelling formulierte: Unser Verhalten hängt vom Verhalten der anderen ab. „Für das seelische Gleichgewicht können solche Massenevents wichtig sein“, schlussfolgert Fenzl. So führe die Teilnahme an Volksfesten nicht nur zu einem positiv aufgeladenen Gemeinschaftsgefühl, sondern biete auch die Möglichkeit, sich bis zu einem gewissen Grad gehen zu lassen. Das gelte jedoch nicht für alle Menschen. „Was einem letztendlich guttut und was nicht, ist sehr individuell. Einen seelischen Ausgleich kann man auch alleine bei einem Spaziergang durch den Wald finden.“

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