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Haben wir bessere Ideen, wenn wir uns mit anderen austauschen?

Ob Design-Thinking, Mind Mapping oder Brainstorming – es gibt zahlreiche Ansätze und Methoden, die bei der Entwicklung von kreativen und innovativen Ideen unterstützen sollen. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei häufig, sich mit anderen auszutauschen. Am 10. September ist der „Tausche-Ideen-aus-Tag“. Daher hören wir bei Dr. Yvonne Glock, die den berufsbegleitenden Studiengang Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) und den Masterstudiengang Digital Psychology (M.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Hamburg leitet, nach: Wie wichtig ist kreativer Austausch wirklich – und worauf kommt es an, damit dieser gelingt?

Frau Dr. Glock, hinter dem „Tausche-Ideen-aus-Tag“ steckt der Gedanke, sich durch Austausch gegenseitig zu inspirieren. Lohnt sich dieser Blick über den Tellerrand? Wenn ja, wann und für wen?

Die Frage kann ganz klar mit „ja“ und „für jeden“ beantwortet werden. Sich durch andere inspirieren zu lassen, die eigenen Denkpfade zu verlassen, neue Herangehensweisen zu betrachten, auszuprobieren oder zu übertragen, kann zu Verbesserungen in Unternehmen, der wissenschaftlichen Arbeit, aber auch im Alltag führen. Somit kann jeder hiervon profitieren und dies in diversen Bereichen: als Einzelperson, im Team, in Abteilungen oder im Unternehmen.

Jede Methode hat ihre Fans und Kritiker. In der ZEIT Campus wurde Brainstorming beispielsweise schon als „Bullshit“ bezeichnet, das weniger kreative und originelle Ideen hervorbringe als Einzelpersonen. Was funktioniert denn nun?

Brainstorming als Bullshit zu bezeichnen würde ich so nicht mittragen wollen, es ist nach wie vor eine bewährte Methode. Problematisch ist häufig, dass die Durchführung des Brainstormings nicht optimal ist, da bei wenig geübten Moderatoren keine Trennung der Ideen von der Bewertung stattfindet und dann stehen Sie am Ende in der Tat oft mit weniger Ideen da, als sie eine Einzelperson entwickeln würde. Vielfach wird daher als alternative Form das Brainwriting genutzt. Dieses kann auch ohne einen geübten Moderator durchgeführt werden. Beim Brainwritig gibt es verschiedene Formen, zum Beispiel die 6-3-5 Methode, bei der sechs Teilnehmer jeweils drei Ideen auf ein Blatt Papier notieren, dieses dann an den nächsten Teilnehmer weitergeben, der jeweils neue Ideen auf dem Blatt notiert. Diese können natürlich durch die vorherigen Ideen inspiriert sein. Für Großgruppen hat sich auch das sogenannte World Café bewährt.

Sofern etwas mehr Zeit zur Verfügung steht und es beispielsweise um die Ideengenerierung in Projekten geht, empfehle ich die Methode der Denkhüte oder die Disneymethode. Bei beiden Methoden geht es darum, eine Perspektivübernahme zu vollziehen. So sollen bei der Disneymethode die Rollen des Träumers oder Visionärs, des Kritikers und des Realisten eingenommen werden – unabhängig davon, welche Position man vertritt. Bei der Methode der Denkhüte kommen weitere Rollen wie die des Innovators oder des Strukturgebers hinzu. Darüber hinaus hat sich auch die Risikoanalyse in vielen Bereichen etabliert. Auf den ersten Blick erscheint diese Methode nicht primär der Ideengenerierung zu dienen, doch durch systematische Diskussion von Fragen zur Identifikation von Risiken und Chancen müssen die Teilnehmer zusammen Szenarien entwickeln und Eventualitäten bedenken, so dass hier einiges an kreativem Potential einfließt.

Wie finde ich denn heraus, welche Methode für mich die richtige ist?

Es gibt eine Vielzahl an guten, die Kreativität fördernden Methoden. Meines Erachtens kommt es primär auf den Kontext und die eigenen Präferenzen des Durchführenden an, welche Methode gut geeignet ist. Ich persönlich setze zum Kennenlernen und zur Förderung einer kreativen Arbeitsatmosphäre gerne ein Paar-Interview, mit vorgegeben Fragen, wie „Wenn du als Tier geboren wärest, welches wäre dies?“, „Wenn Geld keine Rolle spielen würde, was würdest du dann machen?“ oder „Wo siehst du dich, die Abteilung, das Unternehmen in fünf oder zehn Jahren?“, ein. Als weitere Methode aus diesem Themenfeld nutze ich gerne die Vorstellung anhand eines Gegenstandes, da hier viel an Kreativität eingebracht werden kann und vorgefertigte Herangehensweisen vermieden werden.

Zur Ideensammlung wiederum eignet sich beispielsweise die Anfertigung von Mindmaps oder die Arbeit mit der Reizwortmethode. Hierbei schreiben die Teilnehmer zu vorgegebenen Stichworten ihre Gedanken auf. Zur Förderung von Ideen nutze ich auch gerne die sogenannte Kopfstandtechnik. Hier wird die eigentliche Fragestellung zunächst in das Gegenteil umgewandelt. Also beispielsweise nicht gefragt, wie man die eigenen Verkäufe als Unternehmen erhöhen kann, sondern stattdessen danach gefragt, warum Kunden bei der Konkurrenz kaufen. Die gesammelten Ideen werden dann in einem zweiten Schritt genutzt, um breiter gefächerte Ideen für die Ausgangsfragestellung zu erhalten.

Welche konkreten Tipps haben Sie, damit ein fruchtbarer Austausch gelingt, bei dem neue Ideen und Lösungen entstehen?

Man braucht vor allem eines: Zeit. Wichtig ist natürlich auch, dass es zwischen den Teilnehmern keine großen Konflikte gibt, die die Ideengenerierung behindern. Van Goundy (2005) empfiehlt folgende sechs Aspekte, um Kreativität bestmöglich zu fördern:

1. Trennung der Ideengenerierung von der Bewertung
2. Hinterfragung der eigenen Annahmen, zum Beispiel durch W-Fragen
3. Vermeidung von festen Denkmustern (sogenannte Spurrillen, Schemata): im Alltag oft hilfreich, zur Entstehung von Kreativität hinderlich
4. Entwicklung neuer Perspektiven, entweder buchstäblich räumlich-visuell oder durch Rollenspiele, Verbindung zweier Bereiche (analoger Transfer) etc.
5. Vermeidung von negativem Denken (positive Emotionen fördern Kreativität!)
6. Vorsichtige Akzeptanz von Risiken

Viele dieser klassischen, in der Psychologie schon lange bewährten Ansätze finden sich nun auch in neueren Konzepten wie Design Thinking wieder.

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