Gastbeitrag

Pferde als Co-Trainer

Ein Gastbeitrag von Hochschuldozentin Dr. phil. Kathrin Schütz – Für die einen ist es Ponys-im-Kreis-führen oder Manager-Bespaßung, für die anderen ist es eine sinnvolle Ressource in der Persönlichkeitsentwicklung: Coaching mit Pferden als Co-Trainer. Untersuchungen zum Einsatz von Pferden im Coaching liegen jedoch kaum vor. Um den Kritikpunkt zu beleuchten, ob Pferde wirklich in identischen Settings unterschiedlich auf verschiedene Menschen reagieren können oder ob sie die Aufgaben „auswendig gelernt“ haben, haben wir (Dipl.-Psych. Annika Rötters, B.Sc. Lara Oebel, Dr. Kathrin Schütz) knapp 600 Interaktionen in pferdegestützten Coachings analysiert. Dabei wurden zwei Übungen, die die Teilnehmenden mit einem Pferd absolvierten, mittels einer Videokamera festgehalten und die Videos im Anschluss inhaltsanalytisch sowie inferenzstatistisch ausgewertet.

Pferde werden schon lange in der Psychotherapie eingesetzt, wo sich in mehreren Studien bereits zeigte, dass sie stresssenkend, handlungsmotivierend und auch emotional öffnend wirken können. Im pferdegestützten Coaching-Kontext gibt es jedoch kaum wissenschaftliche Untersuchungen. Hier agiert das Pferd nicht als „Coach“, sondern unterstützt als Co-Trainer, neben dem Coach, bei der Wahrnehmungsschulung. Stärken, Ressourcen und Optimierungsmöglichkeiten können in der Mensch-Pferd-Interaktion aufgezeigt und weiterbearbeitet werden. Häufig werden Videoaufnahmen eingesetzt, um den Abgleich zwischen Selbst- und Fremdbild vorzunehmen und weitere Interpretationen inklusve Praxistransfer zu ermöglichen.

Dass Pferde mit Menschen interagieren und auch nonverbal kommunizieren, wurde bereits mehrfach untersucht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dem „klugen Hans“, einem Hengst, nachgesagt, er könne zählen, rechnen und auch lesen sowie buchstabieren. Durch sein Hufklopfen und seine Kopfbewegungen gab er angeblich die Lösungen an. Auch wenn der Psychologe Oskar Pfungst im Jahr 1911 zeigen konnte, dass Hans doch nicht diese bemerkenswerten Fähigkeiten hatte, zeigte sich eine weitere besondere Fähigkeit: Hans konnte die Mimik seiner Aufgabensteller beobachten und darauf reagieren. Bei kleinen und unwillkürlichen Bewegungen der jeweiligen Person zu den korrekten Reaktionen des Pferdes bzw. wann diese beendet werden konnten, reagierte der Hengst entsprechend und beendete das Hufklopfen.

In aktuellen Studien ging es beispielsweise darum, dass Pferde Personen auffordern können, ihnen ein verstecktes Leckerli zu beschaffen. Die Pferde kamen nicht an die Leckerbissen heran, hatten aber gesehen, dass diese unter einem bestimmten Eimer von einer Person versteckt worden waren. Eine weitere Person, die dieses Vorgehen nicht gesehen hatte, kam daraufhin mit in das Setting und wurde durch Kopfbewegungen und Blickrichtungswechseln der Pferde zu dem jeweiligen Eimer regelrecht um Hilfe gebeten. Laut einer Studie von Ringhofer und Yamamoto von 2016 können Pferde menschliche Signale interpretieren und ihr Verhalten gegenüber Menschen anpassen. Die zugehörigen menschlichen Teilnehmenden hatten entweder gesehen, wie eine Möhre versteckt worden war oder nicht. Die Pferde intensivierten mittels visueller und taktiler Signale ihr Verhalten gegenüber denjenigen ohne Wissen über die Möhre, um diese auf die Möhre aufmerksam zu machen. In einer ebenfalls 2016 von Schuetz, Farmer und Krueger durchgeführten Studie konnten Pferde, nachdem sie das zugehörige menschliche Verhalten beobachtet hatten, einen Lichtschalter betätigten, um hierdurch eine Futterkiste zu öffnen. In einer weiteren Studie konnten Pferde sogar menschliche Emotionen aufgrund der Mimik erkennen und sich diese auch Stunden später noch merken, wie Proops, Grounds, Smith und McComb 2018 zeigten.

In unserer Studie absolvierten die Klienten zwei Übungen mit den Pferden, die immer identisch aufgebaut wurden. Die Pferde kannten den jeweiligen Parcours aus über zehn weiteren Interaktionen, die vor der Studie stattfanden. Die Teilnehmenden kannten die Übungen nicht. Ausgehend von den auf Video aufgenommenen Übungen mit den zugehörigen Reaktionen der Pferde auf das Verhalten der Klienten, wurden die Ergebnisse transkribiert und bildeten so die Basis für die inhaltsanalytische sowie die im Anschluss inferenzstatistische Auswertung. Die Pferde waren in der Lage, Körperzustände wie beispielsweise Entspannung zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. Wenn die Personen zum Beispiel Unsicherheit ausstrahlten, reagierten die Pferde entsprechend, indem sie stehen blieben, zögerten weiterzugehen oder die Richtung wechselten. Auf freundliche Gesten der Klienten, wie z. B. Kraulen, reagierten die Pferde ebenfalls freundlich mit beispielsweise Lecken an der Hand des Probanden oder Suchen von Nähe zu diesem. Unterteilt in die acht Kategorien Abweisung, Desinteresse, Gehorsamkeit, Grenzen, Interesse, Müdigkeit, Unklarheit und Zufriedenheit zeigte sich, dass die Pferde höchst signifikant unterschiedlich reagierten. Die Art der Übung hatte nachweislich wiederum keinen unmittelbaren Einfluss auf das Verhalten der Pferde.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die untersuchten Pferde jedem Klienten unterschiedliche, individuelle Rückmeldungen gaben und keine antrainierten Verhaltensweisen in bestimmten Situationen zeigten. Somit ist die Forschungslücke geschlossen, ob man Pferde überhaupt in der Persönlichkeitsentwicklung einsetzen kann.

Quellen
Greiffenhagen, S. & Buck-Werner, O. N. (2007). Tiere als Therapie. Mürlenbach: Kynos.
Julius, H., Beetz, A., Kotrschal, K., Tuner, D.C. & Uvnäs-Moberg, K. (2014). Bindung zu Tieren. Göttingen: Hogrefe.
Malavasi, R. & Huber, L. (2016). Evidence of heterospecific referential communication from domestic horses (Equus caballus) to humans. Animal Cognition, 6029, 899-909.
Opgen-Rhein, C. (2011). Wirkweisen pferdegestützter Therapie. In C. Opgen- Rhein, M. Kläschen & M. Dettling (Hrsg.). Pferdegestützte Therapie bei psychischen Erkrankungen (S. 11-22). Stuttgart: Schattauer.
Otterstedt, C. (2001). Tiere als therapeutische Begleiter. Stuttgart: Kosmos.
Otterstedt, C. (2003). Der heilende Prozess in der Interaktion zwischen Mensch und Tier. In C. Otterstedt & E. Olbrich (Hrsg.). Menschen brauchen Tiere (S. 58-68). Stuttgart: Kosmos.
Pfungst, O. (1911). Clever Hans (The horse of Mr. von Osten): a contribution to experimental animal and human psychology. New York: Henry Holt.
Proops, L., Grounds, K., Smith, A.V. & McComb, K. (2018). Animals Remember Previous Facial Expressions that Specific Humans Have Exhibited. Current Biology, 28, 1-5, https://doi.org/10.1016/j.cub.2018.03.035
Ringhofer, M. & Yamamoto, S. (2016). Domestic horses send signals to humans when they face with an unsolvable task. Animal Cognition, 6037, 1-9.
Rockenbauer, S. (2010). Tiergestützte Therapie mit Pferden bei Patienten mit emotionaler Instabilität. Verfügbar unter: http:/othes.univie.ac.at/9529/1/2010-05-04_0401559.pdf (27.09.2016).
Schuetz, A., Farmer, K. & Krueger, K. (2016). Social learning across species: horses (Equus caballus) learn from humans by observation. Animal cognition, 6028, 1-7.
Schütz, K., Rötters, A. & Oebel, L. (2018). Können Pferde als Co-Trainer agieren? Individuelle Reaktionen von Pferden in der Persönlichkeitsentwicklung auf unterschiedliche Klienten. Tiergestützte Therapie, Pädagogik & Fördermaßnahmen, 1/2018, 22-26.
Schultz, P. N., Remick-Barlow, G.A. & Robbins, L. (2007). Equine-assisted psychotherapy: a mental health promotion/intervention modality for children who have experienced intra-family violence. Health Soc Care Community, 15, 265-271.

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