Wissenschaftsblog

Krankenhäuser in Deutschland: Wirtschaftlichkeit, Personalsituation und Versorgungsqualität

In den vergangenen Jahrzehnten sind zahlreiche Krankenhäuser in Deutschland von öffentlich-rechtlichen Trägern – wie Ländern und Gemeinden – sowie freigemeinnützigen Trägern – wie Kirchen und Vereinen – in die private Hand übergegangen. Diese Entwicklung wird kontrovers diskutiert. Wie sieht die aktuelle Situation von Krankenhäusern unterschiedlicher in Trägerschaft aus?

Kritiker der Krankenhausprivatisierung sprechen von einem zu hohen Leistungs- und Renditedruck, unter dem Mitarbeiter und Patienten in privaten Kliniken leiden. Befürworter sehen durch die Privatisierung etwa die Entlastung kommunaler Haushalte, den Abbau von Investitionsstaus und einen wirtschaftlichen Betrieb der Häuser. Eine Datengrundlage für die Diskussion rund um die Privatisierung von Krankenhäusern möchten das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und die Hochschule Fresenius – die ihre Kooperation auch in anderen Forschungsbereichen fortführen werden – mit der Studie „Krankenhäuser in privater Trägerschaft 2018“ liefern. Dafür wurden verschiedene Krankenhaus-Kennziffern aus den Jahren 1996 bis 2016 trägerspezifisch aufbereitet und ausgewertet. Autoren der Studie sind Prof. Boris Augurzky, Dr. Adam Pilny (beide RWI) und Prof. Dr. Andreas Beivers, Studiendekan für Management und Ökonomie im Gesundheitswesen (B.A.) an der Hochschule Fresenius München. Prof Dr. Andreas Beivers spricht im Interview mit adhibeo.

Sie nehmen in Ihrer Studie nur bestimmte Krankenhäuser unter die Lupe – warum? Verzerrt das nicht das Bild der Krankenhausprivatisierung in Deutschland?

Das Faktenbuch hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, zu untersuchen, inwiefern die privaten, gewinnorientierten Krankenhausträger sich an der Versorgung der Bevölkerung in Deutschland beteiligen. Aus diesem Grund bilden diejenigen Krankenhäuser die Datengrundlage des Faktenbuches, die nach diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG) abrechnen und einen Versorgungsauftrag für gesetzlich Versicherte besitzen. Denn gerade in privater Trägerschaft befinden sich viele kleine Krankenhäuser ohne einen solchen Versorgungsvertrag. Sie spielen für die breite Gesundheitsversorgung keine Rolle. Datengrundlage sind die amtlichen Krankenhausdaten des Statistischen Bundesamts. Sie umfassen für das Jahr 2015 Daten von 1.463 Versorgungskrankenhäusern, darunter 405 in privater, 572 in freigemeinnütziger und 486 in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft. Universitätskliniken werden bei den Analysen nicht einbezogen, weil sie neben der Krankenversorgung auch der Forschung und Lehre nachgehen. Ihre Kennzahlen sind damit nicht direkt mit nicht-universitären Krankenhäusern vergleichbar. Ebenso werden rein psychiatrische oder psychotherapeutische – sofern sie ausschließlich nach der Bundespflegesatzverordnung (BPflV) abrechnen – sowie reine Tages- und Nachtkliniken von der Analyse ausgeschlossen. Die Untersuchungen beschränken sich auf empirisch beobachtbare Kenngrößen.

Arbeiten öffentliche-rechtliche und freigemeinnützige Kliniken wirklich weniger wirtschaftlich als Häuser in privater Trägerschaft?

Es ist nicht einfach, diese Frage so pauschal zu beantworten. Es zeigt sich aber, dass bei gleichem Ressourceneinsatz private Träger eine höhere Leistungsmenge – gemessen in sogenannten Casemixpunkten, die Auskunft über den Patienten-Mix bzw. die Schwere der Fälle in einem Krankenhaus geben – als andere Träger erreichen. So weisen private Krankenhäuser die geringsten Kosten je Casemixpunkt auf. Dabei fällt ihr Sachkostenanteil im Vergleich zu den anderen Trägern höher aus, während ihr Personalkostenanteil geringer ist. Die Privaten gliedern bestimmte Leistungen in Krankenhäusern wie Catering, Reinigung oder Laboruntersuchungen häufiger an externe Dienstleister aus. 2016 lag ihre Outsourcing-Quote bei 6,6 Prozent der Personal- und Sachkosten, während kommunale und freigemeinnützige Kliniken geringere Werte aufwiesen. Aufgrund der höheren Inanspruchnahme von Outsourcing verteilt sich bei den Privaten das gesamte Leistungsvolumen auf weniger internes Personal. Folglich weisen sie die höchste Arbeitsproduktivität unter allen Trägern auf. Eine höhere Produktivität muss dabei nicht zwangsläufig mit einer höheren Arbeitsbelastung einhergehen. Eine große Rolle spielt eine effiziente Arbeitsorganisation. Die Zahl der zu betreuenden Patienten je Vollkraft ist bei privaten Krankenhäusern kaum höher als bei denen anderer Träger.

Dies spiegelt sich dann auch bei der Ertragskraft wieder. So sind private Krankenhäuser in Deutschland im Schnitt deutlich ertragskräftiger als Kliniken in freigemeinnütziger oder kommunaler Trägerschaft. Im Jahr 2016 waren 94 Prozent der Privaten investitionsfähig und können damit ihre Unternehmenssubstanz nachhaltig erhalten. Bei den kommunalen Kliniken traf das nur auf 66 Prozent, bei den freigemeinnützigen auf 79 Prozent zu. Zudem nehmen die privaten Kliniken insgesamt deutlich weniger öffentliche Fördermittel in Anspruch und zahlten im Jahr 2016 mit rund 182 Millionen Euro deutlich mehr Gewinnsteuern als die anderen Träger.

Vor wenigen Monaten wurde eine Neuordnung der Notfallversorgung in Krankenhäusern beschlossen, wonach zahlreiche Allgemeinkrankenhäuser in Zukunft von den Krankenkassen keine Sondervergütung mehr erhalten, wenn sie Notfallpatienten behandeln. Wie ist denn der aktuelle Status-quo in Sachen Notfallversorgung? Und was erwarten Sie in Zukunft für Änderungen?

Aktuell weist die Notfallversorgung in Deutschland vielfältige Probleme und Ineffizienzen auf. Dies ist zum Teil auf sehr divergierende Interessenslagen der einzelnen Beteiligten zurückzuführen. Eine Reform der Notfallversorgung steht daher im gesundheitspolitischen Fokus. Die Vorhaltung einer erreichbaren, qualitativ hochwertigen und wirtschaftlichen Notfallversorgung ist Aufgabe ambulanter und stationärer Leistungserbringer sowie des Rettungsdienstes. Das im Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) vorgesehene und durch den Gemeinsamen Bundesausschuss erarbeitete Stufenkonzept der stationären Notfallversorgung stellt daher einen wichtigen Schritt in Richtung einer bedarfsgerechten und qualitätsorientierten Verbesserung der Notfallversorgungsstrukturen in Deutschland dar, führt aber gleichzeitig bei vielen Krankenhäusern – über alle Träger hinweg – zu großen Fragen. Das Faktenbuch geht auf diese Diskussion nur am Rande ein. Bezogen auf alle Allgemeinkrankenhäuser zeigen jedoch die Analysen, dass private Kliniken zwar weniger häufig an der Notfallversorgung teilnehmen als andere Trägerschaften. Dieser Befund wird jedoch von den Spezialversorgern bestimmt, die häufiger in privater Trägerschaft betrieben werden. Bei den Grundversorgern zeigen sich hinsichtlich der Beteiligung an der Notfallversorgung indessen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Trägerschaften.

Können Sie eine Aussage über die Qualität der medizinischen Versorgung treffen? Wie unterscheidet sich diese gegebenenfalls nach Trägerschaft?

Auf Grundlage einer großen Zahl von Qualitätsindikatoren der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) wird im Faktenbuch das Verhältnis der beobachteten und der zu erwartenden Sterblichkeit gebildet. Ihr Wert liegt bei privaten Krankenhäusern besser als der Durchschnittswert über aller Träger. Ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dieser Kennzahl und der Zahl der eingesetzten Pflegekräfte zeigte sich nicht. Hinsichtlich der Patientenzufriedenheit zeigen sich keine signifikanten trägerspezifischen Unterschiede. Sie liegt laut Befragungen der Techniker Krankenkasse für alle Träger ähnlich hoch.

 

Mehr Informationen zur Studie: Datengrundlage für die Studie sind die amtlichen Krankenhausdaten des Statistischen Bundesamts. Die Untersuchung basiert auf einem Projekt im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Privatkliniken e.V. (BDPK), Berlin. Die Ergebnisse können auf der Website des RWI heruntergeladen werden.

Kommentar schreiben




Kommentar

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.

Kommentare

Print Friendly, PDF & Email
rss fb twitter xing yt gplus