Gastbeitrag

Die Macht unserer Gedanken

Wie viel Macht können unsere Gedanken haben, wenn wir die Kontrolle über sie verlieren? Ein spannendes Thema aus der Psychologie, über das Dipl.-Psych. Marzena Mucha, Dozentin an der Hochschule Fresenius Berlin und Psychologische Psychotherapeutin, während der Langen Nacht der Wissenschaften 2018 in Berlin sprach. Im Gastbeitrag für adhibeo erklärt Marzena Mucha, welchen Effekt das Kopfkino haben kann.

Sobald negative Gedanken die Kontrolle über uns gewinnen, fühlen wir uns oft hilflos und ängstlich, wie „fremdgesteuert“. Dauert dieser Zustand über mehrere Wochen an, kann es irgendwann zu einem Burnout oder sogar zur Depression, Angststörung bzw. einer anderen psychosomatischen Krankheit kommen. Die destruktiven Gedanken verfestigen sich tief in uns und lassen sich dann nicht mehr so einfach vergessen.

Nehmen wir ein klassisches Beispiel aus dem Alltag: Ein junger Student, Anfang 20 mit einem erfüllten Leben in einer modernen Großstadt. Seit zwei Wochen hat er eine neue Freundin, die gerade während ihrer Ausbildung für ein Praktikum ins Ausland geflogen ist. Der junge Mann schickt seiner Freundin eine WhatsApp-Nachricht mit der Frage, ob sie dort auch gut angekommen sei und wie es ihr insgesamt gehe. Er weiß, dass sie die Nachricht bekommen und gelesen hat, weil ihm dies auf seinem Handy angezeigt wird. Seine Freundin antwortet ihm jedoch seit 24 Stunden überhaupt nicht. Der Mann wartet ungeduldig auf eine Nachricht, die er nicht bekommt. Er beginnt sich verschiedene Szenarien auszudenken, warum sie nicht antwortet. Es aktiviert sich bei ihm ein sogenanntes Kopfkino, wie zum Beispiel „sie muss sehr gestresst sein und deshalb kommt sie nicht zum Schreiben“, bzw. „sie hat bestimmt viele neue Kollegen kennengelernt und mich vergessen“. Diese Gedanken verursachen bei ihm ein mulmiges Gefühl und er bewertet dieses „Bauchgefühl“ subjektiv als ein schlechtes Zeichen. Schon nach kurzer Zeit ist er davon überzeugt, dass seine Beziehung wahrscheinlich bald ein Ende finden wird. Im Laufe des Tages werden seine Gedanken immer intensiver. Sie bohren sich wie ein Geschoss rücksichtslos in seinen Kopf und drücken auf seine Stimmung. Er schaut ständig auf sein Handy, kann sich weder auf seine Arbeit konzentrieren, noch einer sonstigen Aktivität widmen. Einen ähnlichen Zustand kennt er bereits aus früheren Erfahrungen.

Der junge Mann entwickelte die negative Fähigkeit pessimistisch zu denken, wodurch er mit der Zeit die Kontrolle über seinen Denkstil verloren hat. Es war ihm irgendwann nicht mehr bewusst, dass er selbst seine Stimmung durch die subjektive Bewertung der Situation immer mehr beeinflusst. Mit diesen Gedanken hat er sich den ganzen Tag zunichte gemacht. Dieser negative Denkstil wird in der Psychologie als mentaler Stress bezeichnet.

Alles steht und fällt mit der eigenen Bewertung

Wenn wir in unterschiedlichen Situationen so denken, gewöhnen wir uns daran, erlernen dadurch diese Denkweise und reagieren darauf entsprechend. Auf der Welt gibt es grundsätzlich keine Situation, die in uns Sorgen auslösen muss. Eine Situation bleibt was sie ist, einfach eine Situation. Nur unsere eigene psychologische Reaktion auf diese Situation entsteht durch eine subjektive Bewertung. Je stärker wir daran glauben, desto mehr Macht gewinnt diese Überzeugung. Deshalb ist es umso wichtiger, sich in diesem Moment bewusst zu machen, dass ein Teufelskreis aus Gedanken und unserer subjektiven – im Ergebnis negativen – Bewertung entsteht, der uns nur schadet. Erst dann können wir die Kontrolle über unsere Gedanken bekommen und diese wieder ins Positive umwandeln. Dies erfordert aber viel Übung.

Nocebo-Effekt: Wirkung von negativen Erwartungen

Die Wirkung von negativen Erwartungen ist in verschiedenen Studien beschrieben. In der Medizin wurde ein interessantes Phänomen, der sogenannte Nocebo-Effekt, beobachtet. Es handelt sich um eine körperliche Reaktion auf ein medizinisches Präparat ohne spezifische Wirkung, das heißt, wenn wir daran glauben, dass ein Medikament sich schädlich auf unsere Gesundheit auswirken wird und als Nebenwirkungen zum Beispiel Schwindelgefühle auftreten können, dann werden diese nach der Einnahme häufig auftauchen.

In einer Studie zu Betablockern, einem Medikament gegen Bluthochdruck, wurden drei randomisierte Gruppen von Männern gebildet. Allen drei Gruppen wurde das Medikament verabreicht. Die erste Gruppe wusste allerdings nichts darüber, was sie genau bekommen hat. Die zweite Gruppe erfuhr von dem Betablocker. Ihnen wurden aber die Nebenwirkungen verschwiegen, unter anderem, dass eine Beeinträchtigung der Sexualität auftreten könnte. Die dritte Gruppe erhielt eine sehr ausführliche Information über alle möglichen Nebenwirkungen und insbesondere über die erektile Dysfunktion. Die Ergebnisse zeigten, dass genau die letzte Gruppe, die vollständig über die Nebenwirkungen des Medikaments aufgeklärt wurde, in 31,2 Prozent der Fälle an dieser sexuellen Beeinträchtigung litt. Im Vergleich hierzu waren beispielsweise in der ersten Gruppe nur 3,1 Prozent der Patienten von dieser Nebenwirkung betroffen. Das bestätigt uns, dass schon die alleinige Erwartung eines bestimmten Symptoms dieses höchstwahrscheinlich verursachen kann.

In der Placebo-Forschung wurden hierzu auch einige interessante Ergebnisse beschrieben. Sobald Krebspatienten daran glaubten, ein in der Krebsforschung neu entwickeltes Medikament erhalten zu haben, entwickelten 71 Prozent von ihnen mindestens zwei neue Symptome, obwohl sie Teil der Placebo-Gruppe waren, also ein wirkungsloses Medikament aus Zucker bekamen.

In einer weiteren Studie zeigte sich, dass Frauen, die daran glaubten, viel anfälliger für Herzerkrankungen zu sein, 3,7 Mal häufiger an Herzinfarkt und einem plötzlichen Herztod starben als Frauen ohne eine solche Angst.

Unsere negativen Erwartungen können unser Immunsystem beeinflussen. Sind wir stark davon überzeugt ein bestimmtes Symptom zu entwickeln, verspüren wir Angst, die als Folge unser Herz und den Kreislauf beeinträchtigen und damit einen akut bedrohlichen Zustand hervorrufen kann.

Veränderung durch Bewusstwerdung

Wie können wir uns gegen Nocebo-Effekte schützen? Zunächst sollte man sich vor allem die Existenz des Nocebo-Effekts bewusstmachen. Wenn wir verstehen, wie stark unsere sowohl positiven als auch negativen Gedanken wirken können, erkennen wir, dass niemand außer uns selbst unsere Stimmung steuern kann. Anstatt sich darüber Gedanken zu machen, warum die Freundin nicht antwortet, sollte der junge Student lieber annehmen, dass es ihr gut geht. Wird sie seine Hilfe benötigen bzw. seine Stimme vermissen, wird sie sich bestimmt bei ihm melden. Durch die positive Bewertung einer Situation oder anhand eines neutralen Gedankens, können wir den negativen Teufelskreis durchbrechen und uns so viel offener Aktivitäten widmen, die uns Spaß und Freude bereiten. Wir werden dann zum Herrscher unseres eigenen Empfindens und nehmen die Verantwortung für unser Wohlbefinden selbst in die Hand.

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