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Von Wanderlust und Arbeitsfrust – Digitale Nomaden

Sie suchen das Abenteuer, bereisen die Welt und nutzen ihre Laptops und Smartphones als Büro: Digitale Nomaden. Mit der Digitalisierung wächst die Anzahl der sogenannten Remote Worker – also Arbeitnehmer oder auch Unternehmer, die dank moderner Technik ihre Arbeit ortsunabhängig verrichten. Silke Rau, Absolventin der Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius, hat in ihrer Bachelorarbeit das Phänomen der Digitalen Nomaden untersucht und spricht darüber im adhibeo-Interview.

Wer an digitale Nomaden denkt, stellt sich vielleicht jemanden vor, der am Strand liegt, ab und zu etwas in das Laptop tippt, die meiste Zeit aber im Meer oder mit Sonnenbaden verbringt. Im Rahmen Ihrer Arbeit sind Sie aber zu ganz anderen Ergebnissen gekommen, oder?

Ja, tatsächlich haben viele Menschen zunächst einmal genau dieses Bild von Digitalen Nomaden vor Augen. Es gibt auch einige Nomaden, die es geschafft haben sich ein erfolgreiches Business, das fast von alleine läuft, aufzubauen. Bücher und Ratgeber berichten zum Teil von einem freien und unbeschwerten Leben und wie einfach es sei, sich ein Leben als Digitaler Nomade aufzubauen. An erster Stelle sind ein Großteil der Digitalen Nomaden Selbstständige und Freiberufler. Es ist mindestens genauso schwer und anstrengend wie für sesshafte Menschen, sich ein eigenes Business aufzubauen. Zum Teil sogar noch schwerer. Zuhause haben die meisten Leute ein berufliches wie privates soziales Netzwerk, das sie unterstützen kann. Auf Reisen gestaltet sich das etwas schwieriger. Viele Digitale Nomaden berichten davon, dass es zu Beginn schwer war, Kunden und Auftraggeber davon zu überzeugen, dass sie trotz ihres Lebensstils zuverlässig arbeiten. Auch die Zeitverschiebung kann erschwerend hinzukommen. Da Kunde und Dienstleister sich zum Teil auf unterschiedlichen Kontinenten befinden, müssen Digitale Nomaden bereit sein, spät abends oder früh morgens zu arbeiten und mit Auftraggebern zu korrespondieren. Eine schnelle und stabile Internetverbindung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen zum Arbeiten. An vielen Orten stehen eine wackelige Internetverbindung und Stromausfälle allerdings auf der Tagesordnung und können das Arbeiten zusätzlich erschweren. Digitale Nomaden, die sich im Aufbau ihres Business befinden, berichten oft, zehn bis zwölf Stunden am Tag zu arbeiten und sehr selten Urlaub zu machen. Stabilisiert sich das Geschäft, ist es sicherlich auch möglich, weniger zu arbeiten. In meiner Studie gaben die Probanden an, im Durchschnitt 31 Stunden die Woche zu arbeiten. Auch wenn man bei der Arbeit in einem schönen Café mit Blick auf das Meer sitzt und in der Pause mal eben schwimmen oder surfen gehen kann, bleibt Arbeit dennoch Arbeit. Auf der einen Seite genießt man ein hohes Maß an Freiheit, Individualität und befindet sich an wunderschönen Orten auf dieser Welt. Auf der anderen Seite steht meist doch die Arbeit an erster Stelle und es bedarf eines hohen Maßes an Selbstdisziplin, sich nicht von den schönen Dingen, die man vor Ort tun könnte, verführen zu lassen und seinen Auftrag rechtzeitig abzuliefern.

Digitale Nomaden gehen oft einer Arbeit nach, die Kreativität und Schöpfungskraft voraussetzt und müssen in den sogenannten Flow kommen, um richtig produktiv zu sein. Was waren Ihre Beobachtungen dazu?

Ein Zustand von Flow bei der Arbeit ist nicht unbedingt eine Bedingung. Um kreativ und produktiv arbeiten zu können, kann dieser aber sehr begünstigend sein. Unter Flow wird ein Zustand optimaler Beanspruchung, völliger Absorbiertheit bei einem glatten und flüssigen Handlungsablauf verstanden. Dieser Zustand steht in einem engen Zusammenhang mit Leistung und subjektiven Berufserfolg. Flow kann außerdem Stress reduzieren, das Wohlbefinden und die Arbeitszufriedenheit fördern. Die Arbeitsbedingungen Digitaler Nomaden bieten sehr gute Voraussetzungen für das Auftreten von Flow: Sie erleben ein hohes Maß an Selbstbestimmung, Verantwortung und Identifikation bei ihrer Arbeit, Anforderungen können gut auf die eigenen Fähigkeiten abgestimmt werden. Innerhalb meiner Untersuchung konnte Flow nur rückwirkend von den Probanden eingeschätzt werden. Ein Großteil der Probanden gab aber an, bei der Arbeit in einen Flow-ähnlichen Zustand zu geraten. Des Weiteren bestätigte sich ein Zusammenhang zwischen Flow-Erleben und subjektivem Berufserfolg sowie der empfundenen Zufriedenheit. Für die Zukunft ist es sicherlich spannend, diese Aspekte noch einmal genauer zu betrachten und auch mit dem Erleben klassischer Arbeitnehmer zu vergleichen.

Wenn man ortsunabhängig und ausschließlich digital arbeitet, bringt das natürlich auch mit sich, dass es keine Kollegen oder Geschäftspartner gibt, denen man täglich begegnet. Welche Rolle spielt Networking bei Digitalen Nomaden?

Ein typisches Netz aus Freunden, Kollegen und Geschäftspartnern vor Ort gibt es zumindest unter den Dauerreisenden nicht. Dennoch spielt Networking bei Digitalen Nomaden eine sehr bedeutende Rolle. Auch sie, oder gerade sie, haben ein starkes Bedürfnis nach sozialem Austausch und Interaktion. Viele der Dauerreisenden sind alleine unterwegs, einige mit einem Partner oder sie schließen sich mit anderen Digitalen Nomaden zusammen und reisen eine Zeit lang gemeinsam. Auch Coworking Spaces sind eine beliebte Anlaufstelle für Digitale Nomaden. Hier finden sie oft Kontakt zu Gleichgesinnten. Digitale Nomaden sind somit alles andere als einsame Wölfe und haben ein starkes Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit. In der Regel verlagert sich ein großer Teil des beruflichen Austauschs in die virtuelle Welt. Es entsteht ein digitales Netzwerk. Es gibt zahlreiche soziale Netzwerke, Blogs und Foren für Digitale Nomaden, in denen ein intensiver Austausch über berufliche wie private Themen stattfindet. Digitale Nomaden helfen und unterstützen sich innerhalb dieser Netzwerke gegenseitig und geben Ratschläge und Hilfestellungen zu Fragen rund um das Thema, wie es sich als Digitaler Nomade lebt und arbeitet. Das digitale und globale Netzwerk von Menschen mit ähnlicher Arbeitsweise und Lebensphilosophie bildet einen Ersatz für das fehlende soziale Netz, dass sich Menschen mit einem sesshaften Leben an Wohnort und Arbeitsplatz aufbauen. Im Rahmen meiner Untersuchung zeigte sich, dass diese Netzwerke ebenso wie klassische Netzwerke vor Ort eine unterstützende Wirkung haben und sich positiv auf die empfundene Zufriedenheit auswirken können. Dies war besonders der Fall für diejenigen, die (noch) keine hohe Identifikation mit dem Lebensstil entwickelt hatten. Somit ist es für digitale Nomaden möglich, die persönliche Zufriedenheit durch ein geschicktes Agieren innerhalb der eigenen sozialen Netzwerke positiv zu beeinflussen.

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