Gastbeitrag

Digitalisierung im Fußball

Torlinientechnik, Videoassistent, datengestützte Spielanalyse ­– zur WM lässt sich festhalten: Die Digitalisierung ist längst im Lieblingssport der Deutschen, dem Fußball, angekommen. Digitale Innovationen optimieren die Arbeit von Schiedsrichtern, Trainern und Spielern. Was passiert aber mit den Daten, die insbesondere zu Spielern gesammelt werden? Unter anderem dieser Frage widmet sich Tim Frohwein, Lehrbeauftragter an der Hochschule Fresenius München, im Gastbeitrag.

Die Digitalisierung hat in den vergangenen Jahren auch den Fußballsport gehörig durcheinandergewirbelt – und sie wird es weiter tun. Betrachten wir nur das Spielgeschehen, könnte man konstatieren, dass digitale Technologien die Arbeit aller unmittelbar beteiligten Akteure – Schiedsrichter, Trainer, Spieler – beeinflussen:

» Die Schiedsrichter profitieren beispielsweise seit einigen Jahren von der Torlinientechnik, die verhindern soll, dass es jemals wieder zu spielentscheidenden Irrtümern wie dem Wembley-Tor im WM-Finale 1966 kommt. Der Videobeweis, der in Deutschland in der Bundesliga-Saison 2017/18 erstmals zum Einsatz kam und nun auch bei der anstehenden Fußball-WM in Russland seine Premiere feiert, ist ein weiteres durch Digitaltechnik ermöglichtes Hilfsmittel, das dabei ist, den Fußball zu verändern – für viele nicht hin zum Positiven.

» Dank der Unterstützung durch Daten können Trainer Spieler verbessern und objektivere Entscheidungen treffen: Ist die Laufleistung, die Pass- oder Zweikampfquote eines Spielers in den letzten Spielen unterdurchschnittlich, kann im Training an diesen Defiziten gearbeitet werden bzw. eine Aufstellungsentscheidung auf Basis der Daten getroffen werden. Dazu kann der Trainer aus den Daten, die in den vergangenen Jahren zu tausenden von Fußballspielen gesammelt wurden, einiges herauslesen: Er kann z.B. sehen, von welcher Position auf dem Spielfeld die meisten Tore erzielt wurden und seine Spieler anweisen, möglichst genau von dieser Position zu schießen. In der Spielanalyse spricht man in diesem Zusammenhang von „Expected Goals“.

» Für die Spieler bedeutet die Digitalisierung daher auch, dass sie in der Nachbesprechung eines Spiels nicht mehr mit subjektiver Kritik, sondern auch mit objektiven Daten konfrontiert werden. Das kann zu einer besseren Nachvollziehbarkeit und genaueren Fehleranalyse führen, für die Betroffenen aber auch mit einem gewissen Unbehagen – Stichwort „Gläserner Fußballer“ – verbunden sein.

Auch der Autor dieser Zeilen durfte sich neulich während eines Fußballspiels digital vermessen lassen. Dabei wurden Daten zur Pass- oder Zweikampfquote, den Torabschlüssen, Tackles, den Bewegungen auf dem Platz und zu vielem mehr gesammelt. Für jemanden, der sein Fußballer-Leben im Amateurbereich verbracht hat, ist es ein seltsames Gefühl, mit so genauen Daten zum eigenen Spiel konfrontiert zu werden.

Einige Beobachter sehen gerade die Datenerfassung und -sammlung im Fußball kritisch: Wenn für Trainer oder auch für die Medien nur noch statistische Werte zählen, könnten Spieler ihr sportliches Tun auf diese Werte ausrichten, also bewusst viel laufen, um derjenige mit der höchsten Laufleistung zu sein oder so oft wie möglich schießen, um derjenige mit den meisten Torabschlüssen zu sein. Auch so rechtfertigt man schließlich seine Aufstellung oder erhöht seinen Marktwert – der Einfluss eines solchen Spielers auf das Gesamtgefüge einer Mannschaft könnte auf diese Weise in den Hintergrund rücken.

Ein weiterer Kritikpunkt an einer starken Datenfixiertheit: Das Spiel werde dadurch zunehmend systematischer geplant und berechnet, so dass Kreativität und Spannung auf der Strecke blieben. Auch die ethische Komponente des Datensammelns darf an dieser Stelle nicht vergessen werden: Die Frage nach der Hoheit über die erhobenen Daten treibt auch immer mehr aktive Fußballer um. Wer darf eigentlich diese Daten sammeln, wo darf man sie speichern und darf man sie an Dritte weitergeben? Gerade mit Blick auf weltweit operierende Scouting-Unternehmen, die Spieler schon in jungen Jahren zu beobachten und zu vermessen beginnen, um den potentiellen Käufern in den großen Fußball-Ligen Informationen über den Wert dieser Spieler zu liefern, sollte man diese Frage stellen.

In der Diskussion zu „Digitalisierung im Fußball“, die der Autor Ende Mai an der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften in München moderiert hat und bei der auch Studierende der Hochschule Fresenius im Publikum saßen, sind diese und andere Punkte zur Sprache gekommen. Hier findet sich ein Rückblick zu der Veranstaltung.

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