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Von Papier und Stift zu Posts und Followern – Das Tagebuch im digitalen Zeitalter

Der 12. Juni ist Welttag des Tagesbuchs und steht damit ganz im Zeichen der autobiographischen Aufzeichnungen. An diesem Tag im Jahr 1942 feierte Anne Frank ihren 13. Geburtstag und bekam das Tagebuch geschenkt, das später mit ihrer tragischen Geschichte um die Welt gehen sollte. Auch heute noch halten viele Menschen ihre Lebensereignisse oder -abschnitte schriftlich fest – immer mehr treten dabei aus der Privatsphäre eines Tagesbuches heraus und gehen mit ihren Gedanken in die Öffentlichkeit. Dr. Kathrin Schütz, Psychologie-Hochschuldozentin der Hochschule Fresenius, erklärt im Interview mit adhibeo, wieso Menschen für persönliche Informationen ein breites Publikum suchen.

Die ersten Vorläufer des Tagebuchs stammen aus der Renaissance und faszinieren noch heute. Warum wollen Menschen ihre Gedanken und Erlebnisse schriftlich festhalten?

Wichtige Ereignisse können so erneut erinnert werden. Nicht alles, was in unsere verschiedenen Gedächtnissysteme gelangt, wird später korrekt oder überhaupt erinnert. Häufig haben wir verzerrte Erinnerungen, die wir anhand der Dokumentation besser wieder rekonstruieren können. Zusätzlich schwirren uns Dinge nicht mehr im Kopf herum, wenn wir sie notieren und somit in gewisser Weise auch abschließen. Das zeigte der 1927 experimentell entdeckte Zeigarnik-Effekt, der von der namensgebenden russischen Psychologin Bljuma Wulfnowna Zeigarnik entdeckt wurde und besagt, dass nicht erledigte Tätigkeiten kognitive Ressourcen beanspruchen und uns im Kopf herumschwirren. Zudem kann Stress abgebaut werden, wenn Dinge auf diese Art rausgelassen werden. Beispielweise kann ich meine Wut über den zähen Verlauf einer studentischen Projektarbeit so niederschreiben – weil Gespräche vielleicht noch nichts gebracht haben, ich das Gespräch aus Scheu noch nicht gesucht habe oder um ein mögliches Gespräch zu simulieren. Beim Schreiben werden Einzelheiten bewusst erinnert und auch verarbeitet, Konzentration ist gefordert, wodurch auch der Begriff der Achtsamkeit in den Fokus rückt. Es ist eine Art Entschleunigung und kann helfen, Entscheidungen und weitere Aspekte klarer zu sehen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, jeden Tag drei positive Dinge – egal, wie klein und unwichtig sie erscheinen – aufzuschreiben und sich bewusst zu machen, was alles gut gelaufen ist. Diese Methode wird auch im Coaching eingesetzt.

Was früher noch handschriftlich niedergeschrieben wurde, wird heute häufig in digitaler Form notiert. Sind Blogs und soziale Medien die Tagebücher der heutigen Zeit?

Das kann man in Teilen so sagen. In unserer Timeline sehen wir chronologisch geordnet, mit wem wir welche Party oder welches Festival besucht haben, welche Urlaube mit schönen Erlebnissen wir in den vergangenen Monaten gemacht haben oder was wir gekocht bzw. im Restaurant gegessen haben. Andererseits muss man aber auch sagen, dass klassische Tagebücher auch geheime Dinge wie Gefühle jeglicher Art und Gedanken beinhalten, die andere nicht lesen, wissen oder sehen sollen – beispielsweise Ängste gegenüber etwas, was andere vielleicht für lächerlich halten oder Gefühle gegenüber dem eigenen Schwarm, der es nicht wissen soll. Hier ist noch eher die ungeschönte Version enthalten, wohingegen nicht alle diese Gedanken in Blogs und sozialen Medien dargestellt werden. Hier wird häufiger überlegt, wie man etwas formuliert, wie es bei den anderen ankommen könnte oder wie man bestimmte Reaktionen, z. B. Likes, von anderen erhält.

Was treibt beispielsweise Blogger oder Influencer dazu an, ihr Privatleben mit einem Massenpublikum zu teilen?

Hier kann es unterschiedliche Motive geben. Eines davon wäre die Selbstdarstellung, auch Impression Management genannt. Man möchte besonders positiv dastehen und von anderen gesehen werden, unterstützt durch bestimmte Posen und Gesten oder auch Kleidung sowie andere Dinge der Objektkommunikation, wie Swimming-Pools, teure Autos, Luxus-Hotels etc. Likes und positive Kommentare können hier als Belohnung  oder Verstärkung wirken und für ein gutes Gefühl sorgen. Auch der Begriff des eigenen Selbstwerts, der vermeintlich hierdurch gefördert wird, kann in diesem Zusammenhang genannt werden. Einige hoffen vielleicht auch darauf, dass sie berühmt oder noch berühmter werden. Blickt man auf die Follower, kann man das Phänomen im Sinne sozialer Vergleiche betrachten – einer Theorie des Sozialpsychologen Leon Festinger, die besagt, dass Menschen Informationen über das eigene Selbst durch den Vergleich mit anderen gewinnen können. Die Follower wünschen sich also vielleicht genauso so auszusehen wie die Blogger oder Influencer und sehen diese als ihre Idole an.

Die Orwellsche Horrorvision aus „1984“ ist schon fast gänzlich zur Realität geworden. Wieso ist uns unsere Privatsphäre eigentlich so wenig wert?

Es ist normal geworden, überall im Internet Dinge über uns zu verbreiten, da sich jederzeit die Möglichkeit ergibt, mit dem Smartphone ein Essen zu posten oder den Eiffelturm auf einem Selfie zu verewigen und natürlich auch mit anderen zu teilen. Wir haben uns daran gewöhnt und es ist nichts Besonderes. Wir sehen, dass viele andere das genauso machen. Das gilt vor allem für Menschen, die uns ähnlich sind bzw. ähnliche Interessen, Einstellungen, Berufe o. ä.  aufweisen, wie z. B. unsere Freunde – und so folgen wir der Mehrheit. Eine weitere Möglichkeit wäre die Einstellung, dass man ja nichts zu verbergen habe und dass daher ruhig alle sehen können, was man so macht.

Wie sieht die Zukunft des Tagesbuchs aus?

Einerseits bleibt es bestimmt beim Posten von Storys in der digitalen Welt. So wie der analoge Trend um das Ausmalen von Mandalas in Erwachsenenmalbüchern entstanden ist, könnte ich mir aber vorstellen, dass auch bei Tagebüchern der Trend zur Papierversion wiederkommt. Im Coaching erlebe ich es immer wieder, wie überrascht die Klienten sind, was es bei Ihnen bewirkt, mit dem Stift auf Papier täglich drei positive Dinge aufzuschreiben. Wenn ich einige Zeit später erneut mit ihnen spreche, berichten sie häufig davon, wie schön es ist, sich die handschriftlichen Notizen anzuschauen und „etwas in der Hand zu haben“ – unabhängig vom Erkennen, wieviel pro Tag „doch echt gut gelaufen ist“. Wir mögen es, Objekte anzufassen, auch beim Lesen von Büchern. Viele kaufen gerne physische Bücher statt digitaler Versionen, weil es einem ein anderes Gefühl gibt.

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