Wissenschaftsblog

Ressourcen schonen: Nicht nur Konsumenten sind gefragt

Nach Berechnungen des Forschungsinstituts Global Footprint Network hatte Deutschland seine natürlichen Ressourcen für dieses Jahr bereits Anfang Mai verbraucht. Anlass genug, sich am heutigen Internationalen Weltumwelttag damit zu beschäftigen, wie Ressourcen geschont werden können. Darüber sprechen die Nachhaltigkeitsexperten Prof. Dr. Lutz Becker und Prof. Dr. Mahammad Mahammadzadeh von der Hochschule Fresenius im Interview.

Für Konsumenten gibt es bereits zahlreiche bekannte Tipps, wie sie umweltbewusster handeln können. In welchem Bereich sehen Sie das größte Potenzial?

Mahammadzadeh: Ernährung, Wohnen, Mobilität und Konsum sind die vier Bereiche, in denen Veränderung dringend notwendig ist. Wir müssen uns achtsamer ernähren und einkaufen, am besten regionale Bio-Produkte mit wenig Plastikverpackung. Zu Hause gilt es Energie einzusparen, zum Beispiel durch Waschmaschinen mit niedrigem Wasserverbrauch oder indem man weniger heizt. Dabei sollten wir versuchen, soweit wie möglich die sogenannten direkten und indirekten Rebound-Effekte zu vermeiden. Die erzielten Effizienzsteigerungen im Bereich Ressourcen und Energie dürfen nicht durch ein ‚negatives Konsumverhalten‘, zum Beispiel einen Mehrverbrauch, teilweise wieder aufgehoben und überkompensiert werden.

Achten wir nicht schon darauf, weniger Energie zu verbrauchen und bewusster einzukaufen?

Becker: Tatsächlich hinterfragen nicht nur Verbraucher, sondern auch Industrie und Handel, woher Waren kommen, wie sie angebaut wurden, welche Inhaltsstoffe sie haben und ob sie umweltschonend produziert wurden. Nachhaltigkeit sollte für Unternehmen also schon deshalb eine große Rolle spielen, weil sie auf sich verändernde Marktanforderungen reagieren müssen.

Unternehmen sind also auch gefragt?

Becker: In jedem Fall. Viele Unternehmen haben ein eigenes Interesse daran, dass ihre gesetzlich vorgeschriebene Umweltberichterstattung immer positiver ausfällt. Weitere verpflichten sich, die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen zu erreichen und implementieren sie bereits in ihre Geschäftsmodelle und -prozesse.

Mit innovativen, nachhaltigen Ideen können sich Unternehmen Wettbewerbsvorteile auf dem Markt verschaffen. Das erfordert Mut, zahlt sich aber am Ende aus – nicht nur für die Natur, nicht nur für das das Image, sondern auch in Bezug auf harte betriebswirtschaftliche Kennzahlen. Ein Beispiel ist das Unternehmen Rügenwalder Mühle, das 2014 als einer der ersten großen Fleischverarbeiter in den Veggie-Markt einstieg. Mittlerweile erwirtschaftet der Familienbetrieb einen großen Teil des Umsatzes mit vegetarischen Produkten und hat damit Wettbewerber in die Defensive gezwungen.

Welche weiteren Beispiele für innovative, ressourcenschonende Produkte und Konzepte gibt es?

Mahammadzadeh: Im Bereich der Mobilität gibt es beispielsweise schon viele Möglichkeiten, CO2-Emmissionen zu verringern, etwa mit Elektroautos oder Carsharing-Modellen. Auch an vielversprechenden Zukunftskonzepten wie der Schwarmmobilität wird aktuell getüftelt. Dabei handelt es sich um integrierte und intelligente Mobilitätssysteme und -konzepte mit Systemelementen wie Elektrifizierung, Dekarbonisierung, Automatisierung, Digitalisierung und Sharing-Konzepten.

Gerade innovative Mobilitätssysteme weisen nicht nur große Klimaschutz- und Nachhaltigkeitspotenziale auf, sondern bieten auch noch die Chance, die Lebensqualität in den Städten zu erhöhen und Unfallrisiken zu senken. Die Frage ist schon lange nicht mehr, ob, sondern wie schnell sie kommen.

Was steht dem im Wege?

Becker: In Europa kreist die Diskussion um Fragen von Haftung, Sicherheit und Datenschutz, während solche Fragen in anderen Teilen der Welt weitgehend ausgeblendet werden und man sich dort darauf konzentriert, die Technologie möglichst schnell in den Massenmarkt zu bringen. Es geht bei der Umsetzung von zukunftsfähigen Mobilitätskonzepten nicht nur um technische und infrastrukturelle Problemlösungen, sondern vor allem auch um eine politisch-rechtliche und institutionelle Unterstützung sowie gesellschaftliche und soziale Mitgestaltung. Wir brauchen dafür aber auch eine Betriebswirtschaftslehre, die sich nicht hinter ihren Modellen versteckt, sondern eine, die den Wandel der Systeme im besten Sinne einer angewandten Wissenschaft mitgestaltet.

Kommentar schreiben




Kommentar

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere

Kommentare

Print Friendly, PDF & Email
rss fb twitter xing yt gplus