Gastbeitrag

Zukunftsfähige Mobilität

Die Mobilität steht in der nahen Zukunft vor großen Umbrüchen. Bild: Designed by Freepik
Die Mobilität steht in der nahen Zukunft vor großen Umbrüchen. Bild: Designed by Freepik

Die Mobilität der Gesellschaft hat sich in jüngster Zeit tiefgreifend verändert. Dabei dominieren eine Vielzahl von Schlagwörtern wie autonomes Fahren, alternative Antriebstechniken und Elektromobilität, Nachhaltigkeit, Carsharing und Digitalisierung die Debatte. Zu diesen Themen forscht Prof. Dr. Mahammad Mahammadzadeh, Studiendekan des Studiengangs Automotive & Mobility Management (B.Sc.) und Professor für Betriebswirtschaftslehre und Nachhaltige Unternehmensführung, an der Hochschule Fresenius in Köln. In seinem Gastbeitrag äußert er sich zu den Entwicklungen und Trends in der Mobilitätsbranche.

Mobilität ist ein wesentlicher Bestandteil des gegenwärtigen und künftigen gesellschaftlichen Lebens. Sie ist und bleibt zur wirksamen Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschen unerlässlich. Durch die Mobilität werden soziale, ökologische, ökonomische, technologische, rechtliche und kulturelle Belange und Anliegen der Gesellschaft stark tangiert. Die zunehmende Intensität und das erhöhte Ausmaß von Mobilität führen vermehrt zu ökologischen und sozialen, aber letztendlich auch ökonomisch negativen Folgen. Insbesondere der motorisierte Verkehr verursacht eine enorme Menge an klimarelevanten CO2-Emissionen. Vor allem angesichts des fortschreitenden Klimawandels, der Notwendigkeit des Klimaschutzes und der Realisierung der Klimaschutzziele auf nationaler und globaler Ebene wird dieser Thematik eine große gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit zuteil. Daher gewinnt auch die optimale Gestaltung und Sicherstellung einer nachhaltigen Mobilität zunehmend an Relevanz und trägt einen großen Beitrag zum Erhalt und zur Erhöhung des gesellschaftlichen und nachhaltigen Wohlstandsniveaus bei.

Bei der Entwicklung, Gestaltung und Umsetzung einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Mobilität spielt die deutsche Autoindustrie als wichtigster Industriezweig eine wesentliche Rolle. Ein Blick auf die Daten des statistischen Bundesamts zeigt die enorme sozial-ökonomische Bedeutung dieser Branche. Demzufolge weist die Autoindustrie im Jahr 2016 eine Beschäftigtenzahl von rund 830.000 (14% aller Beschäftigten in den verarbeitenden Gewerben) und einen Umsatz von 407 Milliarden Euro auf. Erhebungen des Umweltbundesamtes machen die klimatischen und ökologischen Auswirkungen und die Verantwortung der Branche deutlich, wonach der Verkehrssektor 2015 für 18% aller nationalen Treibhausgasemissionen verantwortlich war. Die Emissionen des Straßenverkehrs waren dabei mit einem 95%igen Anteil an den verschiedenen Verkehrsemissionen am höchsten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines klimaschutzinduzierten Umdenkens im Mobilität- und Verkehrssektors.

Die zukunftsfähige Mobilität soll sich bei der Erfüllung grundlegender Mobilitätsfunktionen und der gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung an der Realisierung von strategischen Leitbildern der Nachhaltigkeit, d.h. an Effizienz (optimales Input-Output-Verhältnis), Suffizienz (Änderung der Konsummuster) und Konsistenz (klima- und naturfreundliche Technologien) orientieren. Hier bestehen jedoch die großen Herausforderungen bei der Vermeidung und Verminderung von direkten und indirekten Rebound-Effekten im Falle der Effizienzstrategie und mit Blick auf die Suffizienz vor allem bei der gesellschaftlichen Akzeptanz und Bereitschaft zur Verhaltensänderung bei der Nachfrage nach Mobilitätsleistungen. Die wichtigste technologische Herausforderung bildet das technologieinduzierte „Informations- und Umsetzungsproblem“, welches im Rahmen der Technologiefolgenabschätzung als „Collingridge-Dilemma“ diskutiert wird: Einerseits ist eine vollständige und aussagekräftige Folgenabschätzung einer Technologie primär erst nach der Umsetzung und Erfahrungen mit der Technologie möglich. Anderseits wird es – je mehr eine Technologie in der Praxis implementiert und gefestigt ist – schwieriger eine spätere Umgestaltung oder Abschaffung durchzusetzen.

Prof. Dr. Mahammad Mahammadzadeh

Prof. Dr. Mahammad Mahammadzadeh

 

Diese Problemfelder ändern jedoch nichts an der zentralen gesellschaftspolitischen Notwendigkeit, dass die Mobilität nur dann zukunftsfähig sein kann, wenn sie klimafreundlich, innovativ, intelligent und vernetzt gestaltet, implementiert und gesteuert wird. Als charakteristische Elemente und Bausteine derartiger zukunftsfähiger Mobilitätskonzepte und -systeme sind Elektrifizierung (Elektromobilität), Autonomisierung (teil- und vollautonomes Fahren), Digitalisierung und Systemvernetzung (Verbundenheit und Datenverknüpfung), Dekarbonisierung (Vermeidung, Reduktion oder Kompensation von CO2) und Mobilitätsnetze durch Sharingkonzepte zu nennen. Deren Bedeutung als Treiber einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Mobilität ist nicht außer Acht zu lassen. Im Kontext der Mobilitätsnetze ist zudem auf die Notwendigkeit der absoluten Senkung der Zahl von Fahrzeugen und des Ausbaus des öffentlichen Personennah- und Fernverkehrs sowie der Infrastrukturentwicklung hinzuweisen.

Um die Vision einer nachhaltigen Mobilität der Zukunft mit den genannten Systemelementen und Treibern zu realisieren, müssen die gegenwärtigen Probleme und Unsicherheiten im Rahmen der jeweiligen Technologien und Konzepte diskutiert, beseitigt und in einem gesellschaftspolitischen Konsens vermittelt werden. Mit Blick auf Elektroautos sind vor allem die geringe Reichweite, längere Ladezeiten, fehlende flächendeckende Ladeinfrastruktur, hohe Anschaffungskosten und die hohen CO2-Emissionen im Herstellungsprozess von Elektroauto-Batterien zu nennen. Zudem besteht weiterhin die Notwendigkeit der Verlängerung der Nutzungsdauer von Batterien, des Ausbaus von erneuerbaren Energien und des Stromnetzes, um eine erhoffte Zunahme von Elektroautos (Ziel von einer Million batterieelektrischer Fahrzeuge bis 2020) klimafreundlich und CO2-arm verwirklichen zu können. Hinsichtlich des autonomen Fahrens liegen die Hürden noch höher, was auf die Komplexität der Technologie und Konzepte zurückzuführen ist. Die kontroverse Diskussion um das autonome Fahren konzentriert sich vorwiegend auf die Bereiche Datenschutz, Sicherheit, Angst vor Kontrollverlust, Haftung, ethische Fragen und die gesellschaftliche Akzeptanz.

Die kontroverse Diskussion um Elektromobilität, autonomes Fahren und vernetzte Mobilität zeigt, dass die zukunftsfähige Mobilität technologische, gesellschaftliche, ökologische, ökonomische und politisch-rechtliche Herausforderungen bewältigen muss, um erfolgreich zu sein. Dabei geht es künftig nicht um die Frage „ob“, sondern vielmehr um die Frage des „wie“ und „wann“. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der zunehmenden CO2-Problematik aber auch aufgrund der sozioökonomischen Notwendigkeit und des verschärften globalen Innovationswettbewerbs ist eine nachhaltige Mobilität, wie oben dargestellt, das einzig zukunftsfähige Mobilitätskonzept, das vor allem technologische, organisatorische, institutionelle, sozial-gesellschaftliche, infrastrukturelle und geschäftsmodellbezogene Innovationen erfordert. In diesem Kontext ist auf die große Verantwortung und den gesellschaftlichen Auftrag der Autoindustrie hinzuweisen.

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