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Da vorne sitzt ein Mensch – Diskrepanz zwischen Image und Bedeutung der Busfahrer ist hoch

Bus fahren tut fast jeder, doch kaum jemand achtet darauf, wer eigentlich der Fahrer ist. Bild: Designed by jannoon028 / Freepik
Bus fahren tut fast jeder, doch kaum jemand achtet darauf, wer eigentlich der Fahrer ist. Bild: Designed by jannoon028 / Freepik

Forscher des Instituts für komplexe Gesundheitsforschung an der Hochschule Fresenius haben in Zusammenarbeit mit DB Regio Bus herausgefunden, dass der Busfahrer in der Gesellschaft insgesamt kein gutes Image besitzt, obwohl durchaus ein Bewusstsein für seine gesellschaftliche Bedeutung und  hohe Verantwortung vorhanden ist. Der Beruf des Busfahrers wird als vergleichsweise „unattraktiv“ und „langweilig“ bewertet, und diese Assoziationen werden auch auf den Menschen übertragen. Auch die Busfahrer selbst wurden befragt. Dabei kam heraus, dass sie ihren Beruf grundsätzlich sehr gerne ausüben, sie aber mit täglichen Arbeitsbedingungen zu kämpfen haben. Insbesondere Faktoren wie Gehalt, berufliche Perspektiven sowie Zeitdruck tragen zur Frustration der Protagonisten bei. Sie sprechen aber auch deutlich das Thema der geringen Wertschätzung seitens der Fahrgäste an. Sie werden für Dinge verantwortlich gemacht – zum Beispiel Unpünktlichkeit -, für die sie nichts können. Auch die so genannte „Stellvertreterhaftung“ spielt eine Rolle.

Wie denkt die Gesellschaft über Busfahrer?  

Die Wichtigkeit des Berufes wird den meisten erst bewusst, wenn sie beginnen, über den Beruf nachzudenken. Eines wurde in der Studie auch deutlich: Busfahrer leiden unter der so genannten Stellvertreterhaftung: Sind Fahrgäste mit Fahrplänen, Preisen, Ausstattung oder mangelhaften Informationen unzufrieden, bekommen sie oft als erster Ansprechpartner den Unmut zu spüren.   

Hohe Erwartungshaltung in der Gesellschaft

Die Forscher haben untersucht, warum die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Bedeutung und Image so hoch ausfällt. Zu unterscheiden sind dabei zunächst zwei Gesellschaftstypen: 24 Prozent der Befragten sind rein transportorientiert, das heißt, sie möchten lediglich sicher und pünktlich den Zielort erreichen. Mehr als drei Viertel haben aber darüber hinaus noch eine Dienstleistungserwartung an den Busfahrer. „Das allein ist schon ein Hinweis darauf, warum viele den Beruf eher negativ bewerten. Je höher die Erwartungshaltung, desto eher tritt natürlich ein Gefühl der Unzufriedenheit auf“, sagt Dr. Sabine Hammer, Sozialwissenschaftlerin und Projektkoordinatorin an der Hochschule Fresenius und neben dem Leiter des Instituts für komplexe Gesundheitsforschung, Prof. Dr. Christian Haas, verantwortlich für die Studie.

Die Forscher haben zwischen der Erwartungshaltung der Fahrgäste und den persönlichen Erfahrungen eine deutliche Abweichung festgestellt, die auf einer Skala von 1 bis 10 generell bei -2,1 liegt. Der Höchstwert bei den Erwartungen wird hinsichtlich der Transportleistung angegeben (10). Dazu gehören beispielsweise das Anfahren aller Haltestellen und die Einhaltung der Fahrplanzeiten. Als Erfahrungswert wird nur eine 7,2 erreicht, das heißt die Befragten bewerten die Qualität der Arbeitsleistung eher negativ. Noch deutlicher ist die Diskrepanz im Bereich der Dienstleistung. Dazu gehören etwa die kompetente Auskunft, die Ansprechbarkeit bei Problemen, Präsenz bei Konflikten, neben sicherem auch angenehmes Fahren sowie allgemein ein höfliches Auftreten. In diesem Vergleich liegt die Differenz bei -3,2., bei einer Erwartungshaltung von 9. Geringer fallen die Unterschiede beim so genannten Sachvermögen aus. Hier beurteilten die Befragten die Kleidung des Fahrers sowie die Gestaltung und Ausstattung der Fahrzeuge. Bei einer Erwartungshaltung von 7 wird hier eine Abweichung von -1,0 erreicht.

Was sagen die Busfahrer selbst?

 Bei der Ermittlung der Eigenwahrnehmung haben die Forscher der Hochschule Fresenius herausgefunden, dass sich Busfahrer sehr mit ihrem Beruf identifizieren. Insbesondere Sinn und Bedeutung der Arbeit sind den Befragten bewusst, die meisten in der qualitativen Erhebung Befragten gaben an, dass ihnen der Beruf sehr gut gefällt, sie diesen gerne ausüben und jederzeit wieder ergreifen würden. „Für mich ist das die Königsklasse, in der wir fahren. Ich befördere Menschen und das ist das Größte, was man machen kann – so wie auch der Pilot eines Flugzeuges“, sagte einer der interviewten Fahrer. Ein anderer ergänzte: „Mir gefallen besonders Freiheit und Verantwortung und der Kontakt zu anderen Menschen.“ Insgesamt besitzt für die Busfahrer die Beförderung/der Transport allerdings höchste Priorität: Auf einer Skala von 1 (gefällt gar nicht) bis 10 (gefällt in höchstem Maß) liegt der Durchschnittswert bei fast 9. Der Kontakt zu den Mitmenschen ist mit einem Wert von knapp 8 aber ebenfalls sehr wichtig. Dienstleistungsaufgaben erreichen hier nicht einmal einen Wert von 6. Deutlich von dieser grundsätzlichen Einstellung zum Beruf zu unterscheiden ist die tatsächliche Zufriedenheit mit der täglichen Ausübung und den dabei auftretenden Erlebnissen. Hier liegt der Mittelwert bei 323 Befragten sehr niedrig. Auf einer Skala von 1 (sehr unzufrieden) bis 10 (sehr zufrieden) pendelt sich dieser bei gerade einmal 4,7 ein.

Niedriges Gehalt, fehlende Perspektiven und Zeitdruck

„In den persönlichen Interviews mit den Busfahrern wurde deutlich, dass sie eine Reihe von Arbeitsbedingungen als belastend und beanspruchend wahrnehmen“, so Hammer. Beim Detailblick fällt die Zufriedenheit mit dem Gehalt am schlechtesten aus (Mittelwert: 3,3). Auch die beruflichen Perspektiven, die Arbeitszeiten und Pausenregelungen werden mit einer 4,0 schlecht bewertet. Nicht viel besser sind die körperlichen Arbeitsbedingungen, die von den Busfahrern eine 5,0 erhalten. Noch die beste Bewertung gibt es für die Personen, mit denen die Busfahrer arbeiten (6,9). Häufig wird berichtet, dass die Bustaktungen zu knapp sind und die Fahrplanzeiten nicht eingehalten werden können: „Die Zeit ist definitiv ein Problem. Ich weiß nicht, wann die Fahrzeiten der einzelnen Linien zum letzten Mal gemessen wurden“, beklagt einer der befragten Busfahrer. „Kollegen, die schon zehn Jahre oder länger dabei sind, sagen, die Zeitvorgaben waren schon damals dieselben.“ Dabei haben sich Verkehr und Infrastruktur in dieser Zeit massiv verändert – man denke nur an das höhere Verkehrsaufkommen, mehr Ampelanlagen, mehr Kreisverkehre und die vielen 30er-Zonen. Auch mit den erwarteten Serviceleistungen sei der Anspruch, pünktlich zu sein, schwer oder gar nicht vereinbar, dazu gehörten etwa angenehmes Fahren, Hilfestellungen bei bedürftigen Personen oder auch Ticketverkauf und –kontrolle.

Risiken für die Gesundheit

Gut 80 Prozent der befragten Busfahrer leiden unter einer so genannten Gratifikationskrise. Sabine Hammer erklärt: „Das von den Fahrern wahrgenommene Verhältnis zwischen der persönlichen Arbeitsleistung und der dafür erhaltenen Belohnung schlägt zugunsten der Leistung aus.“ Neben dem Gehalt spielten auch die Faktoren Anerkennung und Entwicklungsmöglichkeiten eine Rolle. „Was wir auch bedenken müssen: Übersteigt der Arbeitseinsatz die Belohnung für einen längeren Zeitraum, sinkt die Arbeitszufriedenheit und gleichzeitig steigt das Erkrankungsrisiko.“ In den Interviews finden sich Hinweise dahingehend, inwieweit Fahrer gesundheitliche Beschwerden in Zusammenhang mit ihrer Arbeit bringen. „Unregelmäßige Arbeitszeiten und Schichtwechsel sorgen für Müdigkeit und Schlafprobleme“, führt Hammer aus. Auch der Gang zur Toilette verursacht Probleme, da diese nur in den  Pausen und nicht überall entlang der Strecke aufgesucht werden kann. Konsequenz daraus: Viele Busfahrer trinken deutlich zu wenig, was langfristig gesundheitsschädlich ist. Bemängelt wird auch, dass ebenso wie die Schlafenszeit die Essenszeiten unregelmäßig sind und die Ernährung aus zeitlichen Gründen schlecht. Gepaart mit dem Bewegungsmangel führt das natürlich zu Übergewicht, Rückenschmerzen und insgesamt zu einem reduzierten Wohlbefinden. Ein Problem haben die Busfahrer damit, dass ihnen laut eigener Aussage wenig Wertschätzung entgegengebracht wird, auch wenn es durchaus positive Erlebnisse mit Fahrgästen gibt. „Ich denke, man ist keine Respektsperson mehr, man wird eher als ‚Depp vom Dienst‘ betrachtet“, lautet das deutliche Urteil eines der Befragten. Viele äußerten den Wunsch, „als Mensch wahrgenommen zu werden“.

Fazit

 „Es ist zu wünschen, dass sich in der Gesellschaft ein differenziertes Bild vom Busfahrer etabliert“, so Hammer. „Da vorne sitzt auch ein Mensch – und er ist selten oder gar nicht dafür verantwortlich, wenn es beispielsweise zu Verspätungen kommt. Er macht auch die Preise nicht. Darüber hinaus wäre es gut, wenn die Arbeitsbedingungen den Realitäten angepasst werden könnten. So ließe sich die grundsätzlich positive Einstellung der Busfahrer zu ihrem Beruf auch in Arbeitszufriedenheit umwandeln. Davon profitieren wir alle.“

Methode

Ziel des Forschungsprojekts war es, die Wahrnehmung des Busfahrers und des Busfahrerberufs in der Gesellschaft festzustellen und darüber hinaus auch aus Sicht des Busfahrers selbst Faktoren zu identifizieren, die seine Arbeitszufriedenheit und Gesundheit beeinflussen. Beide Sichtweisen sind dann anschließend auch gegenübergestellt worden.

Bei der Untersuchung der Fremdwahrnehmung wurden zunächst 139 Personen spontan mit offenen Fragen an öffentlichen Plätzen konfrontiert. Basierend auf diesen qualitativen Interviews erstellten die Forscher einen Fragebogen mit insgesamt 107 Fragen, der drei Monate online verfügbar war. Auf diesen wurde mit Veröffentlichungen in den Medien, Social Media und persönliche Kontakte aufmerksam gemacht. Bei der quantitativen Erhebung machten insgesamt 574 Teilnehmer mit, davon 268 Männer und 295 Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 35 Jahren.

Auch im Rahmen der Selbstwahrnehmung wurde ein Mix aus qualitativer und quantitativer Erhebung vorgenommen. 40 Busfahrer nahmen an den offenen Interviews teil, den Fragebogen füllten 323 Teilnehmer aus.

Die Studie erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, lässt aber aufgrund der hohen Teilnehmerzahl fundierte Rückschlüsse zu.

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