Gastbeitrag

Alle Jahre wieder: Konfetti, Kamellen und … Alkohol!

Für viele Jugendliche ist es ganz normal, Alkohol zu trinken. Gerade an Karneval. Foto: Designed by Freepik
Für viele Jugendliche ist es ganz normal, Alkohol zu trinken. Gerade an Karneval. Foto: Designed by Freepik

Die Karnevalstage stehen vor der Tür. Gerade in den Hochburgen Köln und Düsseldorf bedeuten die jecken Tage auch tagelanges Feiern mit viel Alkohol. Vor allem Jugendliche kennen oft ihre Grenze nicht und landen nach der Party mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Prof. Dr. Thomas Teyke, Studiendekan Management und Ökonomie im Gesundheitswesen (B.A.) und Health Economics (B.A.) an der Hochschule Fresenius Köln, Fachbereich Wirtschaft & Medien, hat sich in einem Gastbeitrag für adhibeo darüber Gedanken gemacht, was diese Ausschweifungen für das Gesundheitssystem bedeuten und wie man junge Menschen vor übermäßigem Alkoholverzehr schützen kann. 

Von Prof. Dr. Thomas Teyke

Umzüge, Pappnasen, Konfetti, Kamellen … – bei unserer Vorstellung von Karneval darf natürlich eine wichtige Zutat nicht fehlen: Alkohol! Und zwar zum Teil in besorgniserregenden Mengen.

Aber nicht nur zum Karneval: 2016 wurden insgesamt mehr als 110.000 Patienten aufgrund einer akuten Intoxikation, also einem Vollrausch, ins Krankenhaus eingeliefert und dort behandelt – nicht mitgezählt die unzähligen Schnapsleichen, die am Rande der Veranstaltungen kurzzeitig betreut werden.

Zweithäufigster Grund für Krankenhauseinweisungen

Alkoholbedingte Krankheiten (im Fachjargon: Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol) waren auch 2016 wieder der zweithäufigste Grund für eine Krankenhauseinweisung mit mehr als 320.000 stationären Fällen – bei Männern sogar der häufigste Grund, noch vor Herzinsuffizienz.

Insbesondere die Zahl der volltrunkenen Jugendlichen ist Besorgnis erregend: Seit 2000 hat sich der Anteil der unter 20-Jährigen auf ca. 20.000 Fälle mehr als verdoppelt und liegt heute auf die Altersgruppe gerechnet, mehr als doppelt so hoch, wie der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Generell liegen auch hier die Jungs vor den Mädels – nur bei den 13-15-Jährigen werden mehr Mädchen als Jungs in Folge einer Alkoholvergiftung in eine Klinik eingewiesen. Besonders Besorgnis erregend ist ferner, dass bei einem Teil der Besoffenen nicht nur Alkohol, sondern ein oft unklarer und besonders gefährlicher Punsch aus Alkohol und Drogen, meist Kokain oder Cannabis, vorliegt.

Fälle häufen sich im Februar, Juli und zum Jahreswechsel

Nach einer Auswertung der AOK treten zwar die meisten Fälle im Karnevalsmonat Februar auf, aber auch gehäuft im Juli – mit Grill- und Straßenfesten – und zum Jahreswechsel, also allesamt Gelegenheiten, die gerne mit Alkohol assoziiert werden.

Die Gesamtkosten zur Betreuung der Patienten mit Störungen durch psychotrope Substanzen, also Substanzen, die das Nervensystem und so auch die Psyche beeinflussen, von denen die alkoholbedingten mehr als Dreiviertel aller Fälle stellen, betrugen 2016 mehr als 3,6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: die Steuereinnahmen aus Branntwein und Biersteuer betrugen 2016 ca. 2,8 Milliarden Euro.

Dabei dient in den meisten Fällen das Krankenhaus nur als moderne – aber natürlich teure – Ausnüchterungszelle. Bei einer akuten Alkoholvergiftung wird in der Regel nicht, wie oft vermutet, der Magen ausgepumpt, sondern die Patienten werden nur überwacht, das heißt, die Atmung und der Kreislauf werden beobachtet.

Wird durch den Alkoholmissbrauch das Solidarprinzip der Krankenkassen ausgenutzt?

Auch dieses Jahr wird Karneval mit einiger Sicherheit wieder mit großen Mengen Alkohol gefeiert werden. Aus gesundheitsökonomischer Sicht stellt sich unmittelbar die Frage, wie sinnvoll es ist, bzw. ob das Solidarprinzip hier nicht ungerechtfertigterweise ausgenutzt wird, wenn die Konsequenzen des exzessiven Individualverhaltens auf die Allgemeinheit umgewälzt werden.

Dabei sieht schon das Gesetz vor, dass Leistungen der Krankenkassen bei Selbstverschulden, also bei einem vorsätzlichen Vergehen, eingeschränkt bzw. die Versicherten an den Kosten der Leistungen in angemessener Höhe beteiligt werden können.

Dringlicher noch ist der Schutz der Jugend, auch wenn der Trend sich in den letzten Jahren nicht weiter verschärft hat. Neben der großen Zahl der im Krankenhaus behandelten jugendlichen Rauschtrinker geben ca. 30 Prozent der 15-Jährigen an, bereits an zwei oder mehr Gelegenheiten betrunken gewesen zu sein.

Bei YouTube gibt es mehr Anti-Kater-Videos als Präventionsvideos

Wieso gelingt es nicht, diesen Entwicklungen entgegenzusteuern? Wo bleiben wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen? Die an Jugendliche gerichtete Aufklärungskampagne für Alkoholprävention der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist ein eher biederer Versuch, dem Aufklärungsauftrag nachzukommen. Gefragt sind vielmehr moderne Interventionen, durch die Jugendliche über ihre Kanäle und in ihrer Sprachlichkeit erreicht werden. Bei YouTube finden sich mehr Videos mit Tipps gegen Kater als Aufklärungsvideos zu den gesundheitlichen Schäden und den privaten und gesellschaftlichen Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums.

Dabei hat es die Bundeswehr gezeigt, wie man mit einer modernen Kampagne auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen kann. Mit den „Rekruten“ wurde eine Werbekampagne über die Social-Media-Kanäle platziert, die auch bei der relevanten Zielgruppe angekommen ist und nachweislich Erfolge verbuchen konnte.

Wenn wir mehr als drei Milliarden Euro für die klinischen Konsequenzen des Alkoholkonsums ausgeben, sollten wir uns auch Aufklärung und Prävention, insbesondere der Jugendlichen, etwas kosten lassen.

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