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Veränderung ist möglich, kostet bloß Energie

Mehr Sport zu treiben, gehört zu den häufigsten Zielen bei dem Wunsch nach Veränderung. Designed by jcomp / Freepik
Mehr Sport zu treiben, gehört zu den häufigsten Zielen bei dem Wunsch nach Veränderung. Designed by jcomp / Freepik

Wie sieht es mit den guten Vorsätzen aus, jetzt Ende Januar? Wie viel davon wurde umgesetzt, welche Pläne sind schon wieder verworfen? Und warum fällt es uns eigentlich so schwer, unser Verhalten zu ändern? Können wir uns überhaupt neu erfinden? „Ganz eindeutig ja“, sagt Prof. Dr. Dominic Frohn, der an der Hochschule Fresenius Köln, Fachbereich Wirtschaft & MedienWirtschaftspsychologie lehrt.

„Eine Veränderung der Persönlichkeit ist bis ins hohe Alter möglich – sie wird nur energetisch anstrengender“, meint Frohn. Im Laufe des Lebens bilde sich unsere Persönlichkeit heraus: Die größten Entwicklungen gebe es in jüngeren Jahren, dann werde die Persönlichkeit stabiler. Veränderungen seien aber auch aus neurowissenschaftlicher Perspektive bis ins hohe Alter möglich. Da sich mit zunehmendem Alter viele Denk- und Handlungsmuster etabliert hätten, erfordere ein Wandel allerdings mehr Aufwand und Energie. „Hilfreich sind konkrete Ziele und Beständigkeit beim Arbeiten an ihnen, um die bereits etablierten Muster im Gehirn wieder neu zu gestalten“, erklärt Frohn, der auch als Coach tätig ist.

Stetiger Abgleich zwischen dem realen und idealen Selbst

Doch warum wollen sich Menschen überhaupt ändern? In welchen Situationen – abseits von Silvester – besteht der Wunsch, neu anzufangen? „Die Menschen sind in einem kontinuierlichen Abgleichungsprozess zwischen ihrem realen und ihrem idealen Selbst“, erklärt Frohn. Werde die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Verhalten und dem eigenen Wunschbild zu groß, setze die Selbstaktualisierungstendenz mit dem Wunsch nach Entwicklung ein. Die Frage ist nun, wie man den Wunsch in die Realität umsetzt, ohne zu scheitern und frustriert zu werden. Frohn empfiehlt dazu, das große Ziel als eine übergeordnete und positiv besetzte Vision zu definieren und so eine Annäherungsbewegung auszulösen. Den Weg zum Ziel solle man dann in kleinere Etappen einteilen, die gut zu schaffen sind. „Ganz wichtig: realistische Zwischenziele wählen, sonst steigt die Frustrationsgefahr. Um das große Ziel zu erreichen, braucht es viele kleine Erfolgsmomente zur Verstärkung“, sagt Frohn. Ein Zeitplan könne bei der Selbstevaluation helfen.

Ob man sich für etwas zu alt fühlt, hat viel mit sozialen Normen zu tun

Veränderungen seien grundsätzlich in jedem Bereich möglich, sei es Gesundheit, Fitness, Beziehung oder Beruf, wobei letzteres etwas aufwändiger sei. „Natürlich können Sie auch mit Mitte 40 noch Ärztin werden, obwohl Sie ursprünglich etwas Anderes gelernt haben. Sie müssen sich nur im Klaren darüber sein, dass Sie mindestens für die Zeit der Ausbildung auf Ihren gewohnten Lebensstandard verzichten müssen“, glaubt Frohn. Auch einen neuen Sport könne man mit Mitte 40 oder 50 noch anfangen – wenn keine körperlichen Einschränkungen gegen diesen Sport sprechen. „Ob man sich für etwas zu alt fühlt, hat viel mit limitierenden sozialen Normen zu tun“, so Frohn. In unserer Kultur sei Alter sehr stark mit körperlicher Degeneration und kognitiven Abbauprozessen assoziiert – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Selbstkonzept älterer Menschen. Und weiter: „Im asiatischen Kulturraum ist das Alter sehr positiv besetzt und steht für Weisheit.“

Ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit binden Energie

Für ganz große Veränderungen wie etwa nach einer Scheidung oder unfreiwilligen Kündigung, sei es hilfreich, einen konstruktiven Umgang mit der Vergangenheit zu finden. Frohn: „Die heutige Akzeptanz meiner früheren Entscheidungen und damit meiner persönlichen Geschichte trägt dazu bei, dass Neues leichter erschlossen wird. Ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit binden Energie. Bewältigte knifflige Situationen hingegen helfen dabei, mit neuen schwierigen Ereignissen umzugehen, weil Sie wissen, dass Sie das schon einmal geschafft haben.“ Um flexibler und elastischer zu werden, könne man kleine Übungen in den Alltag einbauen, zum Beispiel immer neue Wege gehen oder einmal pro Woche etwas tun, was man sonst nie macht oder noch nie ausprobiert hat.

Fazit: Entscheidend für einen souveränen Umgang mit unerwarteten Situationen und bewusster Veränderung sind die Selbstwirksamkeitserwartung und die Flexibilität. „Selbstwirksamkeitserwartung bedeutet, wie sehr eine Person davon überzeugt ist, dass sie Dinge positiv verändern kann und etwas schaffen kann. Je ausgeprägter die Selbstwirksamkeitserwartung und Flexibilität, desto optimistischer geht der Mensch in eine neue Situation hinein“, erklärt Frohn. Um diese Fähigkeiten zu stärken, könne es helfen, erfolgreiche Veränderungserfahrungen zu reflektieren und sich immer wieder daran zu erinnern. Bis eine echte Veränderung im Verhalten eintrete, dauere es nämlich ziemlich lange. „Gewohnte Handlungsmuster im Gehirn feuern schneller und zuverlässiger als ein neuer Vorsatz – mit jedem Anwenden dessen steigt die Wahrscheinlichkeit, das Neue zum gewohnten Muster zu etablieren“, sagt Frohn. Veränderung bedeutet also Übung. Dann klappt es auch mit dem Neubeginn! Also dranbleiben!

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