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„Wirklich ist das, was wir als wirklich erleben.“ So verändert ein Ausflug in die virtuelle Realität Körper und Geist

Eine virtual-Reality-Brille lässt uns in fremde Welten abtauchen, auch, wenn wir ganz ruhig auf einem Stuhl sitzen. Bild: Designed by Peoplecreations / Freepik
Eine virtual-Reality-Brille lässt uns in fremde Welten abtauchen, auch, wenn wir ganz ruhig auf einem Stuhl sitzen. Bild: Designed by Peoplecreations / Freepik

Was vor Kurzem noch wie eine Zukunftsvision klang, wird immer alltäglicher. Mittlerweile gibt es für viele Handys bereits Aufsätze, mit denen man eine virtuelle Realität (VR) herstellen und so in andere Welten eintauchen kann. Die Bilder wirken sehr echt. So kann man sich in einem Hubschrauberflug oder beim Tauchen im Meer wähnen, während man in Wirklichkeit ganz still auf einem Stuhl sitzt. Wie wirken sich diese Eindrücke auf den Körper und die Psyche des Menschen aus? Und wie wird unsere Zukunft mit der neuen Technologie aussehen? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Peter Michael Bak, Professor für Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius, Fachbereich Wirtschaft & Medien, gesprochen.

Herr Professor Bak, wenn die visuellen Eindrücke nicht mit den Bewegungen des Körpers zusammenpassen, wird vielen Menschen schlecht, zum Beispiel beim Lesen im Auto oder in einem 3D-Kino. Wie stark ausgeprägt ist das, wenn man eine VR-Brille trägt?

In der Tat lassen sich auch beim Tragen von VR-Brillen unangenehme Nebenwirkungen beobachten. Berichtet wird von Gleichgewichtsstörungen, motorischen Störungen, Übelkeit oder Stress. Das hängt natürlich von dem ab, was in der künstlichen Welt passiert, ebenso wie in der realen Welt auch. Wenn ich also virtuell Achterbahn fahre, dann passiert womöglich das gleiche, wie wenn ich das in einem Freizeitpark machen würde. Zum Glück sind die Effekte jedoch eher gering und auch nur kurzfristig.

Haben Veränderungen in der virtuellen Realität – also beispielsweise ein Sonnenuntergang, den wir dort betrachten – auch Auswirkungen auf das echte Empfinden? Kommt es einem dann kälter vor oder sinkt die Körpertemperatur tatsächlich?

Davon ist auf jeden Fall auszugehen. Um das zu verstehen muss man sich im Prinzip nur Folgendes klarmachen. Das, was wir als Realität bezeichnen, ist stets nur ein Realitätserleben, d.h. dass ein unterschiedliches Erleben mit unterschiedlichen Realitäten einhergeht. Denken Sie beispielsweise an das Träumen. Während wir eigentlich ganz behaglich und sicher in unserem Bett schlafen, träumen wir die aufregendsten Dinge, mit ganz konkreten psychologischen und physiologischen Auswirkungen. Wir haben Angst oder freuen uns. Unser Herz rast oder schlägt entspannt. Ursache dafür sind keine realen Gegebenheiten, sondern der Film, der gerade in unserem Kopf gespielt wird. Unserem informationsverarbeitendes System ist es im Prinzip egal, woher die Informationen kommen, die grundlegenden Prozesse zur Etablierung einer erfahrbaren Realität sind immer die gleichen.

Was sind denn die extremsten bisher bekannten Auswirkungen, die VR auf den Körper und auf die Psyche hatte?

Nun, das ist natürlich Ansichtssache. Besonders faszinierend finde ich persönlich die Studien, die zeigen, dass wir in virtuellen Umgebungen sogar unseren Körper verlassen können und uns mit einem virtuellen Körper identifizieren. Vor allem Studien zur sogenannten rubber-hand-illusion zeigen das eindrücklich. Versuchspersonen sehen dabei z. B. wie eine Puppenhand gestreichelt wird. Die eigene Hand ist nicht sichtbar wird aber in gleicherweise berührt. Und dann passiert das Unglaubliche, nämlich, dass die Personen plötzlich die künstliche Hand mit der eigenen Hand verwechseln. Eine gängige Erklärung dafür ist, dass unser Gehirn die widersprüchlichen sinnlichen Informationen zwischen Armposition und visuellem Input einfach kongruent macht. Mittlerweile gibt es Studien, die noch weiter gehen und in denen gezeigt wird, dass man als Frau z. B. auch in den Körper eines Mannes hineinschlüpfen kann. Auch konnte man eine Erhöhung des Herzschlags belegen, wenn das virtuelle Alter Ego bedroht wurde. Diese Studien zeigen aus meiner Sicht vor allem, dass die in unserem Alltagserleben so unumstößliche Einheit zwischen unserem Körper und unserem mentalen Erleben eben doch nicht unauflösbar ist. Allerdings bedarf es für solche Effekte mehr als nur die Stimulation des Sehsinnes, was die 3D-Brillen bisher also zu leisten vermögen. Spannend wird das Ganze, wenn in naher Zukunft auch andere Sinne gleichzeitig manipuliert werden, etwa durch Druckanzüge etc.

Es gibt ein Experiment, bei dem jemand durch eine VR-Brille und Kopfhörer das erlebt, was ein anderer zuvor erlebt und aufgezeichnet hat. Was macht so ein Erlebnis mit der eigenen Psyche?

Im besten Fall kann das die Empathie steigern, die wir für die andere Person empfinden. Je ähnlicher mein Erleben dem Erleben einer anderen Person ist, umso besser kann ich mich gedanklich und emotional in diese Person hineinversetzen. Ich bin dann quasi „Zu Gast in Deiner Wirklichkeit“, um den Titel meines letzten Buches zu bemühen.

VR bietet auf der einen Seite vielfältige Anwendungsmöglichkeiten für Bildung, Wissenschaft und Unterhaltung. Auf der anderen Seite droht Eskapismus. Welche Seite ist stärker?

Ich gehe davon, dass sich durch die Möglichkeiten der virtuellen Realität keine großen Verschiebungen zu dem ergeben werden, was heute bereits Realität ist. Letztendlich gibt es heute schon zahlreiche Möglichkeiten, sich aus unserer Alltagsrealität zu verabschieden. Seien das nun diverse Medien oder auch Alkohol und andere Drogen. Es wird, wie bei allen Technologien, darauf ankommen, einen gesunden Umgang damit zu lernen.

Was kommt auf uns zu, jetzt, wo VR-Anwendungen immer günstiger und alltäglicher werden?

VR wird ganz sicher einer der nächsten großen technischen Revolutionen werden. Technische Geräte wie das Smartphone, Fernsehen oder Computer, so wie wir sie heute kennen, werden verschwinden. Stattdessen werden wir überall die Möglichkeiten der virtuellen bzw. der augmented reality, also der Verzahnung von analoger und virtueller Realität, nutzen. Wir brauchen keine Maus, Tastaturen oder Eingabestifte mehr. Wir werden vieles durch Sprache und Bewegung steuern und multisensuale Inhalte viel unmittelbarer erleben können, als das bisher der Fall ist. Zusammen mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz wird dies zu einer radikalen Veränderung unseres Lebens in allen Bereichen führen.

Das Gefühl, wirklich in einer anderen Welt zu sein, nennt man Immersion. Reicht es, dafür nur die andere Welt zu sehen oder müssen noch andere Sinne angesprochen werden? Und wie kann das gehen? Was kommt da noch auf uns zu?

Je mehr Sinne angesprochen werden, umso besser können wir in eine andere Welt eintauchen. Dazu muss man wissen, dass die Sinne nicht isoliert arbeiten, sondern sich zur Erzeugung eines Sinneseindrucks gegenseitig ergänzen. Ein ganzheitliches Erleben setzt also alle Sinne voraus. In diesem Bereich gibt es zahlreiche Entwicklungen, die das Ziel verfolgen, virtuelle Erlebnisse so realistisch wie möglich zu gestalten. Die Kombination von visuellen und auditiven Eindrücken ist dabei ja bereits heute Stand der Dinge. Es gibt aber auch schon Druckhandschuhe bzw. -anzüge, die unseren Tastsinn ansprechen sollen. Noch sehr unterentwickelt sind derzeit die Möglichkeiten zur Manipulation von Geschmack und Geruch.  Aber auch da wird es mit Sicherheit in nicht allzu weiter Zukunft große Fortschritte geben.

Hat die sogenannte mixed oder augmented (erweiterte) Reality noch stärkere Auswirkungen auf die Psyche, weil sich reale Wahrnehmung und Bilder vermischen?

Für unser Erleben gibt es grundsätzlich immer nur eine Realität, die sich aus den aktuell verfügbaren Informationen und Eindrücken zusammensetzt. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir im Prinzip unendlich viele Realitäten erleben können, nämlich je nachdem, auf welche Informationen und Erlebniseindrücke wir gerade zurückgreifen. Die Vorstellung, dass man da zwischen einer echten und einer falschen Realität entscheiden könnte, ist aus dieser Sicht sinnlos. Kein Mensch war bisher in der Lage, die Realität so zu erkennen, wie sie wirklich ist, da Erkennen stets an unser Vorwissen gebunden ist. Wenn wir also von Realität sprechen, dann macht das nur Sinn, wenn wir damit meinen, dass Realität eine Beschreibung dafür sein soll, dass wir uns in manchen Situationen –  nämlich den uns real erscheinenden Situationen – zuverlässig verhalten können und zu einem zuverlässigem Erleben kommen. Davon grenzen wir andere, irreale Situationen ab, bei denen wir mit unseren bewährten Verhaltensweisen nicht weiterkommen und unser Erleben sich in von uns nicht kontrollierter und nicht plausibler Weise äußert. Wir kennen alle Erlebnisse, die uns ganz real erscheinen und solche, die uns buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen und uns völlig irreal vorkommen. Wir sollten jedoch diese erlebnismäßige Realität bzw. Irrealität nicht mit einer wie auch immer gearteten echten Realität verwechseln, die sich uns schon allein aus der Beschränkung unserer Sinnesorgane und deren Verarbeitungsmöglichkeiten von vornherein verschließt. Unsere Realität ist nichts anderes als das Ergebnis eines permanenten Konstruktionsprozesses.

Tobias Holischka, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, sagt: „Man sollte alles als wirklich verstehen, was eine Wirkung hat.“ Was ist überhaupt die Wirklichkeit? Und wie wichtig werden in Zukunft noch echte Orte sein?

Da kann ich dem Kollegen nur zustimmen. Wirklich ist das, was wir als wirklich erleben. Punkt. Die Unterscheidung zwischen echten Orten und unechten Orten macht dann allerdings aus dieser Perspektive keinen Sinn mehr. Was soll schon ein echter Ort sein? Und was unterscheidet ihn von einem unechten Ort. Ein Ort ist ein Ort, wenn wir ihn als Ort erleben. Und dann ist er auch ein echter Ort. Und keiner kann uns sagen, wir würden uns da irren. Subjektives Erleben ist immer wahr. Deswegen kann ich mich auch gleich nach dem Interview entspannt in meinen Sessel setzen und mich in Gedanken an einen anderen Ort versetzen, an dem die Sonne scheint, das Meer so herrlich entspannend rauscht und ich es mir so richtig gut gehen lasse. Ich kann Sie nur dazu ermuntern, das auch einmal zu versuchen. Sie werden sehen, dass Sie von diesem imaginierten Ort, der sich ganz klar in Ihrer Vorstellung abzeichnet, ganz entspannt an den Ort Ihrer Alltagswirklichkeit zurückkehren können. Und zwar ganz real. Viel bedeutsamer als die Frage nach dem echten Ort ist die Frage, ob sich durch neue Technologien unser soziales Miteinander verändern wird. Denn soziale Interaktion setz voraus, dass man die Wirklichkeit einigermaßen gleich konstruiert, dass man sich am selben Ort treffen kann. Da wir jedoch existenziell vom sozialen Miteinander abhängen, bin ich auch da guter Dinge.

Zum Weiterlesen: Bak, Peter Michael: Zu Gast in deiner Wirklichkeit. Empathie als Schlüssel gelungener Kommunikation. Springer Spektrum 2016

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