Gastbeitrag

BWL trifft Nachhaltigkeit

Prof. Dr. Lutz Becker
Prof. Dr. Lutz Becker

Die Ergebnisse der Herbsttagung der wissenschaftlichen Kommission: Nachhaltigkeitsmanagement des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. an der Hochschule Fresenius Köln – ein Gastbeitrag von Prof. Dr. rer. oec. Lutz Becker, Leiter Business School Köln, Studiendekan Master Sustainable Marketing & Leadership und Studiendekan Betriebswirtschaftslehre/Business Administration.

An der Hochschule Fresenius in Köln gab es im Fachbereich Wirtschaft & Medien mit der diesjährigen Herbsttagung der wissenschaftlichen Kommission „Nachhaltigkeitsmanagement des Verbands der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V.“ (VHB)  eine doppelte Premiere zu feiern. Denn erstmals debütierte die Tagung der Kommission an einer privaten Hochschule. Damit entsprach der Rahmen dem anspruchsvollen Tenor der Konferenz, die von den Professoren Rüdiger Hahn und Matthias Fifka von Seiten der Wissenschaftlichen Kommission Nachhaltigkeitsmanagement (WK NaMa im VHB) und Prof. Mahammad Mahammadzadeh sowie Prof. Lutz Becker von Seiten der Hochschule Fresenius gehalten wurde.

Welchen Beitrag kann die BWL zur sozial-ökologischen Transformation leisten?

Rund um diese Fragestellungen wurden aktuelle Forschungsprojekte und deren Ergebnisse präsentiert. In einer offenen Podiumsdiskussion diskutieren Thomas Schulz, Leiter der Arbeitsgruppe Sozial-ökologischer Forschung des DLR Projektträges „Umwelt und Nachhaltigkeit“, Prof. Klaus Fichter von der Uni Oldenburg sowie Prof. Mahammad Mahammadzadeh (Hochschule Fresenius) die aktuelle Forschungslandschaft im Bereich der betrieblichen Nachhaltigkeitswissenschaften. Diskutiert wurde u.a. die Fragestellung, ob und inwiefern intra-, inter- und transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung wünschenswert oder gar notwendig sei.

Was der Disziplin die Kraft nimmt

Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie diskutierte in seiner Eröffnungs-Keynote Hannah Ahrendts Denkfigur von Paria und Parvenue. Das traditionelle Wissenschaftssystem sei das der Parvenues. Überzogene Mathematisierung und die einseitige Fokussierung auf die Impact Factors von Beiträgen in wissenschaftlichen Journalen, so Schneidewind, nähmen der Disziplin die Kraft. Aber auch der einseitige Fokus auf Kritik führe dazu, dass die Wissenschaft ihr Potential nicht voll ausschöpfe. Eine Paria-Wissenschaft solle sich als gesellschaftliche Leitwissenschaft verstehen, die in der Lage ist, die derzeitige gesellschaftliche Orientierungskrise zu überwinden und neue, zielorientierte Lösungsansätze zu liefern. Ihr obliege es, Sektortransformationen – man denke an die Autoindustrie oder den damit einhergehenden Wandel der Regionen – zu begleiten. Die globalen gesellschaftlichen Herausforderungen stellten sich vor allem den Wirtschaftswissenschaften, in diesem Punkt herrschte klar Einigkeit. Gerade die Managementwissenschaften böten im Sinne der transdisziplinären und transformativen Wissenschaft eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten an.

„Es geht auch anders als in der Standard-BWL“

Im Rahmen einer Dinner Speech mit dem Titel „Geschichte des Premium-Kollektivs. Unternehmensdemokratie und Nachhaltigkeit“ sprach der Hamburger Unternehmer Uwe Lübbermann, Gründer von Premium Cola über Konsensdemokratie im Unternehmen. Dabei erklärte er, dass vermeintlich alternativlose Vorgänge und Regeln der Wirtschaft ohne viel Aufwand ins Gute gedreht werden können. Konkret richtete Uwe Lübbermann die folgenden programmatischen Bitten an die Teilnehmer:

  1. „Bitte zeigt euren Studierenden konkrete Beispiele aus der Praxis, die belegen, dass es auch anders gehen kann, als in der Standard-BWL. Konzepte und andere Ansätze sind toll, aber auch leicht als theoretisch abgetan. Da überzeugen reale Beispiele besser, und es gibt schon ziemlich viele.“
  1. „Bitte macht die Dringlichkeit der Weltlage klar. Wir sind mit vielen Auswirkungen des Klimawandels kurz vor sogenannten Tipping Points, ab denen es keine Umkehr der Wirkungen mehr geben kann. Macht das euren Studierenden klar, in Talkshow-tauglicher Einfachheit einerseits, damit es ankommt, und mit solider wissenschaftlicher Fundierung andererseits, damit es überzeugt.“
  1. „Bitte geht auch in Talkshows, und haltet mit eurem Fachwissen und eurer Reputation dagegen, wenn Skeptiker behaupten, es gäbe keinen Klimawandel oder wenn rechtsgerichtete Politiker eine Obergrenze für die Aufnahme von geflüchteten Menschen verlangen. Das ist sinnlos – wir müssen vielmehr die Ursachen bekämpfen!“
  1. „Bitte probiert die nächste Ausbaustufe eines nachhaltigen Konzepts für Unternehmen: eines, das mit allen (internationalen) Stakeholdern gemeinsam Entscheidungen trifft. Fair Trade ist gut, aber auch dabei bestimmen letztlich wir, was die Menschen auf der Südhalbkugel von unsbekommen. Das geht definitiv besser: mit gemeinsamen Entscheidungen.“
  1. „Bitte legt einen Zahn zu mit euren Aktivitäten für eine nachhaltige Entwicklung. Wir haben nicht mehr viel Zeit, und wir müssen den Planeten so für unsere Kinder hinterlassen, dass die darauf auch noch angenehm leben können. Das sollten wir sowieso für alle Menschen machen, egal ob sie mit uns verwandt sind oder nicht. Also: Bitte einen Zahn zulegen!“

Reise in die nahe Zukunft

Den Abschluss der Tagung bildete ein Vortrag des Wuppertaler Unternehmers und Vizepräsidenten der Bergischen Industrie- und Handelskammer, Jörg Heynkes. Durch sein Engagement im „Innovationszentrum NRW“, der „Bergischen Bürgerenergiegenossenschaft“ sowie dem überregional bekannten und wegweisenden Projekt „Klimaquartier Arrenberg“ genießt Heynkes als bekannter Klima-Aktivist ein hohes Ansehen. Für seinen Einsatz im Bereich des Klimaschutzes wurde er unter anderem von der Landesregierung NRW ausgezeichnet und mit dem „Deutschen Solarpreis 2016“ bedacht. Sein Vortrag führte von Robotern und 3D-gedruckten Getrieben zu Schwarmmobilität und dem selbstfahrenden Multifunktions-Vehikel bis hin zum im Labor erzeugten Fleisch eines In-Vitro-Burgers.

Spielregeln zwischen Unternehmen und Gesellschaft in Frage gestellt

Eines machte die Konferenz mehr als deutlich: der Leitsatz der Gutenberg’schen BWL, die sich in ihrer Selbstbezogenheit hinter den Fabrikmauern verstecken konnte, ist längst von der Regel zur Ausnahme geworden. Sie muss neue Lösungsansätze entwickeln, um auf aktuelle sozio-ökonomischen Probleme wie die Umstrukturierung der Automobilbranche (Elektromobilität, Carsharing, Schwarmmobilität) oder des technisch-organisatorischen Sektors (Plattformen, Seamless Logistics, additive Produktionsverfahren, Technological Unemployment) angemessen reagieren zu können.  An dieser Stelle ist eine moderne, transdisziplinäre Managementlehre gefragt, die in der Lage ist, die Interessen von Unternehmen und Gesellschaft optimal aufeinander abzustimmen. Die Möglichkeiten dazu sind gegeben, sie müssen nur mutig angegangen werden.

In diesem Sinne war der abschließende Tenor der Veranstaltung, dass sich die BWL als zukunftsorientierte Wissenschaft positionieren sollte, die neben unternehmerischen auch die gesellschaftlichen Aspekte berücksichtigt. Denn nur in einem gesunden gesellschaftlichen Umfeld kann sich eine Wirtschaft profitabel entwickeln.

Literaturempfehlungen:

Pfriem, R./Schneidewind, U./Barth, J/Graupe, S./Korbun, Th. (Hg.):Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung, Marburg (Metropolis)

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