Wissenschaftsblog

Unbewusster Leben

Was im Körper vor sich geht, nehmen
Menschen unterschiedlich gut wahr.

Gerade jetzt im Sommer sind die Blüten zu sehen, die der Selbstoptimierungstrend treibt: preisverdächtig durchtrainierte Körper allerorten. Viele haben ihren Traumkörper mit Hilfe digitaler Apps verwirklicht – doch laufen sie dabei nicht Gefahr, eine urmenschliche Fähigkeit zu verlieren? Eine Kolumne von Tim Frohwein

Deutschland im Sommer 2017. Hitzewellen schwappen über das Land. Doch nicht nur die Temperaturen sind rekordverdächtig. Auch die Bereitschaft, die eigene körperliche Leistung zu steigern, hat hierzulande ein noch nie dagewesenes Niveau erreicht. Zu sehen ist der sogenannte Selbstoptimierungstrend gerade jetzt überall: an Badeseen, in Freibädern oder in Stadtparks räkeln sich massenweise durchtrainierte Körper, oft geschmiedet mit digitaler Unterstützung. Apps halten exakt fest, wie viele Kilometer man bei der letzten Joggingrunde zurückgelegt hat, wie viele Kalorien man in der vergangenen Mittagspause zu sich genommen hat – vermutlich sogar, wie viele graue Haare einem während der letzten Stressphase gewachsen sind.

Die technische Vermessung menschlicher Aktivität hat für viele durchaus positive Effekte: Auf dem 4. Dialog der Gesundheitswirtschaft Bayern an der Hochschule Fresenius München Ende Juni waren sich viele Redner, darunter Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr, einig, dass Apps zur Selbstoptimierung Menschen dazu bringen können, gesünder zu leben.

Bei der hochkarätig besetzten Veranstaltung ging man allerdings auf einen wichtigen Punkt nicht ein: Vielleicht leben die Menschen dank der Nutzung von Smartwatches & Co. gesünder – dadurch machen sie sich aber auch abhängig von technischen Geräten.

Könnte es nicht am Ende sogar so weit kommen, dass die Selbstoptimierer verlernen, auf ihren eigenen Körper zu hören? Die Signale ihres Körpers, die naturgemäß aus den Organen und den Muskeln direkt in das Bewusstsein dringen sollten, werden schließlich erst mit Hilfe eines kleinen Computers gefiltert und gedeutet. Dieser erzählt ihnen dann, was der Körper braucht und wie man ihn weiter perfektioniert („Noch 307 Schritte bis zum Tagesoptimum“).

Aus der Interozeptionsforschung, jener Forschung, die sich mit der menschlichen Wahrnehmung für Signale aus dem Körperinneren beschäftigt, weiß man, dass bestimmte Personengruppen ein Problem damit haben, auf den eigenen Körper zu hören: So können sich beispielsweise adipöse, also fettsüchtige Menschen, das, was in ihrem Magen passiert, vergleichsweise schlechter bewusstmachen.

Würde man nun eine Gruppe langjähriger technisch assistierter Selbstvermesser einer Gruppe konsequenter Digitalverweigerer gegenüberstellen – ich bin mir sicher, die Selbstoptimierer hätten vergleichsweise mehr Probleme, die Signale aus dem eigenen Körper zu registrieren.

Selbstoptimierer mögen also gesünder leben, bestimmt aber nicht bewusster ­– nicht unbedingt ein positiver Effekt des Selbstoptimierungstrends.

Über den Autor: Tim Frohwein hat den Wissenschaftsblog adhibeo im Jahr 2013 initiiert und ihn anschließend vier Jahre lang betreut. Heute ist er Lehrbeauftragter für Soziologie & Kommunikation an der Hochschule Fresenius München. Er schreibt außerdem für verschiedene Magazine.

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