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„Freundschaften leben von Begegnung“

Dr. Anna Schneider
Dr. Anna Schneider

Am 30. Juli ist der internationale Tag der Freundschaft, der von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde. Er soll an die Bedeutung der Freundschaft zwischen Personen, Ländern und Kulturen erinnern. Was bedeutet Freundschaft im Zeitalter der Digitalisierung? Wie hat sie sich verändert? Dr. Anna Schneider, Psychologin an der Hochschule Fresenius in Köln, Fachbereich Wirtschaft & Medien, spricht im adhibeo-Interview über diese Themen.

Frau Dr. Schneider, bei Facebook ist es inzwischen üblich, mehrere hundert „Freunde“ zu haben. Was bedeutet das für unsere Auffassung von Freundschaft?

Nun, zuallererst würde ich gerne einmal den Begriff „Freunde“ auf Facebook relativieren. Das wir Facebook-Freunde haben ist nämlich schlichtweg vom Netzwerk so vorgegeben. Kaum ein Nutzer käme wohl von alleine auf die Idee, all seine Kontakte auf Facebook tatsächlich als Freunde zu bezeichnen. Mit der Fragestellung, ob die Anzahl der Freunde auf Facebook und die Anzahl der Freunde im – ich nenne es mal so – „echten Leben“ tatsächlich in irgendeinem Zusammenhang stehen, hat sich Professor Dunbar von der Universität Oxford auseinandergesetzt. Interessant hierbei: Es gibt keinen Zusammenhang! Egal ob jemand 100 oder 1000 „Freunde“ auf Facebook hat, im echten Leben sind es durchschnittlich etwa drei Menschen, die als Freunde bezeichnet werden.

Was macht Ihrer Meinung nach denn eine echte Freundschaft aus?

Wenn man Kraft findet und Kraft geben kann. Freundschaften leben von Vertrauen und Wechselseitigkeit. Ein guter Indikator ist aus meiner Sicht die Frage danach, ob man selbst dem Gegenüber aufrichtig und gerne zuhört und dabei gleichermaßen bereit ist, auch eigene Gedanken und vor allem Probleme zu offenbaren.

Gibt es wissenschaftliche Studien zum Thema Freundschaft?

Oh ja, jede Menge. Freundschaften faszinieren Wissenschaftler bereits seit Jahrhunderten. Schon Aristoteles beschäftigte sich damit.

Und auch zu Freundschaft im Zeitalter der Digitalisierung?

Zur spezifischen Fragestellung, wie die neuen digitalen Kommunikationsmedien und deren Funktionalitäten eingesetzt werden und was das mit Beziehungsstufen und auch der Selbstbestimmung zu tun hat, haben Herr Dr. Arnold und ich erst kürzlich geforscht, mit dem Paper sind wir vom 30. Juli bis zum 3. August 2017 auch in Passau auf der ITS Conference (28th European Regional Conference of the International Telecommunications Society) und mit einem weiteren Paper auf der TPRC45 (Research Conference on Communications, Information and Internet Policy) im September vertreten.

Früher musste man sich treffen oder anrufen, um seine Freunde zu sehen. Heute kann man sich gegenseitig Nachrichten, kleine Filme oder Bildchen schicken. Bei Snapchat kann man auf einer virtuellen Karte sogar sehen, wo sich die Freunde derzeit aufhalten. Sind all diese neuen Möglichkeiten Fluch oder Segen für eine Freundschaft?

Das ist eine gute Frage. Wie in der Psychologie so üblich, lässt sich hier keine klare Antwort geben, denn es kommt darauf an, welche der Funktionalitäten mit wem, wann und aus welchem Anlass Einsatz finden. Gerne möchte ich das an einem Beispiel verdeutlichen. Früher war es tatsächlich recht kostenintensiv SMS, oder gar MMS zu versenden. Heute gibt es zahlreiche Möglichkeiten, kurze Botschaften, Bilder, ja gar Filmchen zu verschicken. Während das in eher engen Freundschaften auch als positives „Ich-denke-an-Dich-Zeichen“ genutzt wird, führt das unter anderen Umständen vielleicht aber gar zur Reizüberflutung, man ist genervt und nicht gerührt. Dass man aufgrund derartiger „Aufmerksamkeiten“ dann vielleicht sogar auf Distanz zum Kommunikationspartner geht, kann man in Gruppenchats oder aber beim Austausch mit eher entfernten Bekannten beobachten. Hier werden dann auch von vielen Nutzern die „Notifications“ aktiv ausgestellt, da zu intensive Kontaktaufnahme sehr störend wirkt.

Also wird nicht jede Nachricht gleich bewertet, sondern es kommt darauf an, von wem sie kommt?

Dass Menschen zwischen ihren Kontakten unterscheiden und auch auf Verletzungen der Kommunikationsregeln irritiert reagieren, hat sich durch die technischen Möglichkeiten nicht erst ergeben, sondern sich im Vergleich zu früher schlicht verschoben. In Zeiten, zu denen das Smartphone noch nicht erfunden war, hat man beispielsweise die Mobilnummer nur an auserwählte Kontakte weitergegeben. Auch war man bei engen Freunden nachsichtiger und hat sich sogar gefreut, wenn diese zu „Unzeiten“ auf dem Festnetzanschluss angerufen haben. Wenn ein eher entfernter Bekannter einen jedoch „grundlos“ nachts angerufen hat, war man alles andere als begeistert. Ob die neuen Funktionalitäten also eher Fluch oder Segen sind, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Sicher ist jedoch: Menschen nutzen bereits jetzt klare, selbst definierte Regeln und setzen bewusste digitale Grenzen um ihre Kontakte zu „verwalten“. So wird gerade Facebook oft als Netzwerk verstanden, mit dem man auch über frühere Wegbegleiter oder lockere Bekannte auf dem Laufenden bleibt. Skype als Gegenbeispiel wird vor allem dann eingesetzt, wenn man keine Möglichkeit hat, sich mit Freunden zu treffen, weil man beispielsweise gerade im Ausland ist. Das Schöne an Skype ist, dass man sich hier zumindest in die Augen sehen kann und Videotelefonie einem echten Treffen am nächsten kommt, wenngleich es ganz und gar kein Ersatz hierfür ist.

Der erste Reflex bei vielen ist sicher, zu sagen: Früher hatte man zwar weniger Freunde, dafür waren die aber wenigstens echt. Vielleicht ist es aber auch genau andersherum und die neuen digitalen Möglichkeiten eröffnen uns ganz andere und intensivere Möglichkeiten, eine Freundschaft zu leben. Wie sehen Sie das?

Wie eben schon erwähnt gibt es keinen klaren Zusammenhang zwischen der Anzahl digitaler und der Anzahl analoger Freundschaften. Es ist jedoch so, dass Freundschaften gepflegt werden wollen, damit sie nicht zu Bekanntschaften werden, oder gar zerbrechen. In der aktuellen Zeit findet das Leben aber immer weniger auf dem heimischen Dorfplatz statt. Die Menschen werden mobiler, die Lebensentwürfe, Arbeitszeiten und Lebensmodelle sind deutlich flexibler als früher. Hier bieten die neuen digitalen Möglichkeiten tatsächlich einen Weg, um auch in Zeiten höchster Beweglichkeit und auch gefühltem, ständigen Zeitmangel wichtige Symbole der Zuwendung zu geben und zu erfahren. Während es früher beispielsweise nicht möglich war, während der Arbeit mit den Liebsten zu kommunizieren, geht das heute ganz unkompliziert. Damit wird die klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben auch in diesem Bereich aufgehoben.  

Und was sind die Nachteile?

Man sollte sich sicherlich nicht einzig auf die digitalen Möglichkeiten verlassen. Freundschaften leben von Begegnung. Um das Gegenüber wirklich verstehen zu können, braucht es schlicht mehr als Kurznachrichten. Einen aufrichtigen, verständnisvollen Austausch erlebt man nur mit allen Sinnen. Hierzu braucht es Mimik, Gestik, Intonation und eben auch die „richtige Situation“ in der man sich dem Gegenüber öffnet. Wenn es um wirklich wichtige Freunde geht, ist auch der Skype-Anruf keinesfalls Ersatz für das persönliche Treffen.

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