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„Lassen Sie die Langeweile hin und wieder zurück in Ihr Leben!“

Sollte man vielleicht gelegentlich ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht einem Whatsapp-Chat vorziehen?
Sollte man vielleicht gelegentlich ein
Gespräch von Angesicht zu Angesicht
einem Whatsapp-Chat vorziehen?

Dass Menschen Entgiftungskuren machen, ist kein neues Phänomen. Im digitalen Zeitalter verzichten die Kurgäste dabei allerdings weniger auf bestimmte Genussmittel, sondern auf ihre Digital Devices. adhibeo hat mit dem Psychologen Prof. Dr. Jörg Buchtal, Dozent an der Hochschule Fresenius München, über das „Gift“ Smartphone gesprochen.

adhibeo: Herr Prof. Buchtal, Sommerzeit ist Urlaubszeit. Immer mehr Menschen schalten im Urlaub ihre Smartphones ab und lassen konsequent die Finger vom Laptop – im Neudeutsch spricht man hier von „Digitaler Entgiftung“. Aus psychologischer Sicht: Wie wichtig ist es, dass wir uns diese Pausen gönnen?

Jörg Buchtal: Sehr wichtig! Seit Jahren lässt sich ja beobachten, wie es zu einer zunehmenden Verschränkung von Privat- und Berufsleben kommt – auch und vor allem dank des Smartphones: Wir checken auch nach Feierabend noch unterwegs unsere Arbeitsmails, führen vielleicht nochmal kurz ein Videotelefonat mit dem Chef. Diese ständige Erreichbarkeit durch das Smartphone haben die Deutschen laut der aktuellen Stressstudie der Techniker Krankenkasse auf Platz fünf der gravierendsten Stressauslöser gewählt. Es ist daher sehr positiv zu sehen, dass immer mehr Menschen sich wenigstens im Urlaub dieser Einflussgröße entziehen.

Wie wirkt sich der „Always-On“-Lifestyle auf die Psyche aus? Gibt es empirische Belege?

Zunächst einmal ist anzunehmen, dass uns die ständige Erreichbarkeit, das „Always-On“, in eine Art Daueralarmbereitschaft versetzt: Da auf dem Smartphone immerzu neue Infos einlaufen – sei es nun in Form von Schlagzeilen bekannter Mediendienste, Messenger-Nachrichten oder E-Mails –, wird auch ständig drauf geschaut. Das wiederum führt dazu, dass wir in Momenten, in denen wir einfach mal Pause machen sollten, das Smartphone zücken und uns stattdessen wieder von Informationen überfluten lassen.

Dazu kommt, dass wir das Smartphone ja nicht nur in Momenten zur Hand nehmen, in denen wir uns ausruhen sollten, sondern auch während wir gerade anderen Tätigkeiten nachgehen. Denken Sie an das Phänomen „Second Screening“: Sehr viele Menschen nutzen heute parallel zum Fernsehschauen noch das Handy. Das ist klassisches Multitasking – und Multitasking wirkt sich erwiesenermaßen negativ auf die psychische Gesundheit aus.

Inwiefern?

In einer bekannten Studie hat beispielsweise der US-amerikanische Psychiater Edward Hallowell langjährige Multitasker untersucht und festgestellt, dass bei diesen Personen ein erhöhtes Risiko besteht, an Aufmerksamkeitsdefizitstörungen zu leiden. Auch in Deutschland ist die Zahl der Menschen, die von dieser Störung betroffen sind, in den letzten Jahren sehr stark gestiegen – was vermutlich eben auch mit der Digitalisierung und der damit einhergehenden Zunahme von Multitasking-Verhalten zusammenhängt.

Neben der Aufmerksamkeitsstörung: Was können noch die Folgen der ständigen Erreichbarkeit sein?

In Studien zeigt sich, dass der „Always-On“-Lebensstil zu erhöhter Reizbarkeit und niedrigerer Frustrationstoleranz führen kann. Auch negative Auswirkungen auf die allgemeine Lebenszufriedenheit konnten festgestellt werden. Dazu kommt, dass sich die ständige Erreichbarkeit negativ auf die Produktivität im Arbeitsleben auswirken und somit die Wirtschaft schädigen kann.

Damit diese Folgen nicht eintreten: Was empfehlen Sie dem durchdigitalisierten Menschen?

Am Anfang steht eine Selbstreflektion. Ich muss mir klarmachen, wie sehr mein Leben von Digitalisierung und Smartphone bereits durchdrungen ist. Darüber hinaus sollte ich mich fragen: Wen ziehe ich durch mein „Always-On“-Verhalten eigentlich mit in den Strudel? Muss ich wirklich fünf Mal am Tag eine Whatsapp-Nachricht schreiben oder kann ich auch all diese Fragen am Abend in einem persönlichen Gespräch klären?

In einem nächsten Schritt sollte ich Verhaltens- und Verzichtsregeln aufstellen. Ich sollte Zeiträume oder auch physische Räume festlegen, in denen das Smartphone nicht genutzt werden darf, z.B. während der Mittagspause oder im Schlafzimmer. Ich sollte mir bewusst Zeit für Face-to-Face-Interaktionen nehmen.

Prof. Dr. Jörg Buchtal

Prof. Dr. Jörg Buchtal

Vielleicht sollte man sich sogar einem Selbstversuch unterziehen und eine Zeitlang komplett auf das Smartphone verzichten. Ein solcher Versuch hat, so lässt es sich immer wieder in Erfahrungsberichten nachlesen, positive Effekte auf das psychische Wohlbefinden. Allerdings sollte man im Vorfeld dieser digitalen Entgiftungskur sein soziales Umfeld über sein Vorhaben informieren – sonst kommt es dort schnell zu Irritationen, auch das lässt sich in den Erfahrungsberichten nachlesen.

Eine weitere Möglichkeit, ein bisschen Digital Detox zu betreiben: Führen Sie Achtsamkeits- oder Entspannungsübungen durch. Oder noch simpler: Lassen Sie die Langeweile hin und wieder zurück in Ihr Leben!

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