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„Unser Gehirn empfängt ständig Signale aus dem Körper – nur die meisten nehmen wir gar nicht bewusst wahr“

Was im Körper vor sich geht, nehmen
Menschen unterschiedlich gut wahr.

Beim Praxisbesuch rät der Hausarzt dem Dauergestressten schon mal „mehr auf den eigenen Körper zu hören“. Doch nicht jeder ist gleich begabt darin, die Signale aus dem Körperinnern auch wahrzunehmen, weiß Prof. Dr. Beate Herbert, Psychologin an der Hochschule Fresenius München. In ihrer Forschung hat sie sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt – und dabei eine Entdeckung gemacht, die gerade für adipöse Menschen interessant sein dürfte.

adhibeo: Frau Prof. Herbert, Sie haben sich in den vergangenen Jahren in Ihrer Forschungsarbeit eingehend mit dem Thema Interozeption auseinandergesetzt und dazu zahlreiche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Der Begriff Interozeption bezieht sich – vereinfacht gesagt – auf die Fähigkeit, Signale aus dem Körperinneren wahrzunehmen. Welche Signale empfangen wir? Geht es in diesem Zusammenhang vor allem um das Schmerzempfinden?

Beate Herbert: Unser Gehirn empfängt ständig Signale aus dem Körper – nur die meisten nehmen wir eben gar nicht bewusst wahr. Denken Sie an unseren Herzschlag oder unsere Atmung: Das Gehirn wird zwar immerzu über die Tätigkeit von Herz und Lunge informiert. Wenn wir uns aber nicht bemühen und uns darauf konzentrieren, bekommen wir von diesen lebensnotwendigen Funktionen gar nichts mit – außer im Notfall, also wenn zum Beispiel die Atmung aus irgendeinem Grund erschwert ist und wir entsprechende Schmerzen haben. In diesem Sinne sind also auch Schmerzen interozeptive Signale. Allerdings handelt es sich dabei um sogenannte aversive Signale. Normalerweise fallen interozeptive Signale, also diejenigen aus den inneren Organen unseres Körpers, nicht in diese Kategorie. Bei gesunden Menschen sind sie vielmehr neutral.

Aber an dieser Stelle muss auch gesagt werden, dass es hier individuelle Unterschiede gibt: manche Menschen haben eine gute interozeptive Sensitivität, das heißt, eine gute Wahrnehmungsgenauigkeit für ihre körperlichen Rückmeldungen aus dem Inneren und manche eben nicht. Diese Unterschiede bilden sich auch in der Aktivität spezieller Hirnstrukturen ab.

Was ist mit einem banalen Gefühl wie dem Hungergefühl. Handelt es sich hierbei um ein neutrales interozeptives Signal?

Sofern man sich in diesem Zusammenhang im Normbereich befindet und nicht kurz vor dem Verhungern steht, ja. Mit genau der interozeptiven Sensitivität in Bezug auf die Signale, die der Magen aussendet, habe ich mich in meiner Forschung in der letzten Zeit besonders beschäftigt. Es liegen nämlich bislang kaum bis gar keine brauchbaren Methoden vor, um die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit und Verarbeitung dieser Signale zu messen, ohne dabei mit technischen Messgeräten in den menschlichen Körper einzudringen.

Und diese Lücke haben Sie zu schließen versucht?

Genau. Das Ziel war es, eine Methode zur standardisierten Untersuchung von verschiedenen interozeptiven Wahrnehmungen zu entwickeln, inklusive der gastrischen, also magenbezogenen interozeptiven Wahrnehmung. Die Testbatterie soll sowohl bei gesunden als auch bei klinischen Stichproben, zum Beispiel bei Menschen mit Essstörungen, eingesetzt werden können – im Labor wie auch im Feld.

Besonders interessant ist es hier für mich herauszufinden, wie sich der individuelle Zusammenhang zwischen diesen verschiedenen Wahrnehmungen gestaltet, und welche Prozesse sich dabei im Gehirn abspielen. Wir sprechen in diesem Kontext auch von multimodaler- oder multisensorischer Integration. Und hier geht es tatsächlich um viel mehr als nur um die Wahrnehmung von interozeptiven Signalen, das ist sozusagen nur die Basis.

Es geht um die Genese, also das Entstehen, eines kongruenten Selbst. Interozeption bildet nämlich, wie wir und andere Kolleginnen und Kollegen in den USA und Großbritannien in den letzten Jahren in einigen Arbeiten zeigen konnten, die Grundlage für die Integration von vielen körperlichen Rückmeldungen, die zuletzt im Gehirn – wenn alles gut geht – in ein ganzheitliches „Selbsterleben“ zusammengesetzt werden. Das ist ein absolut spannendes Thema, zu dem wir viele weitere Arbeiten vorliegen haben.

Was haben Sie speziell zum Thema gastrische Interozeption herausgefunden?

In den letzten Untersuchungen ging es darum zu klären, wie gut Menschen die Geschehnisse in ihrem Magen wahrnehmen können und wie man die Qualität dieser Wahrnehmung reliabel und valide messen kann. Das Völle- und Sättigungsempfinden, aber auch die Hungerwahrnehmung standen also im Zentrum der Studien.

Spürt man es, wenn die Verdauung auf Hochtouren läuft? Merkt man es, wenn im Magen kaum mehr Platz ist? Diesen Fragen sind wir mit Hilfe einer von mir entwickelten Messmethode auf den Grund gegangen und haben die Daten für adipöse und normalgewichtige Probanden gegenübergestellt. Der Vergleich zeigt: adipöse, also fettsüchtige Menschen – bis dato haben wir vor allem Frauen untersucht – können das, was in ihrem Magen passiert, tatsächlich vergleichsweise schlechter wahrnehmen! Das ist ein wichtiger Befund für die Behandlung von Adipositas – denn Interozeption und damit auch die Sensitivität für die Signale aus dem Magen kann man erlernen.

Haben Sie auch schon entsprechende Lernprogramme entwickelt?

Ja, ich habe aus dem Testmodul eine erste Trainingsmethode gebastelt, die sich unter anderem an den Erkenntnissen der Achtsamkeits- und Körperbewusstseinsforschung orientiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Patienten hier nur meditieren oder Achtsamkeit erlernen sollen. Wir versuchen, die interozeptive Sensitivität systematisch anhand von spezifisch zugeschnittenen Trainingseinheiten zu verbessern. Allerdings ist das Trainingskonzept noch in der Untersuchungsphase und es bedarf zur Qualitätssicherung auch zeitlich längerfristig angelegter Verlaufsstudien, die ich gerade erst begonnen habe.

Nochmal zurück zur Messmethode: Wie lässt sich überhaupt feststellen, wie gut Einzelpersonen für Signale aus ihrem Körperinneren empfänglich sind?

Es geht bei diesen Messungen meist darum festzustellen, welche Diskrepanz zwischen subjektiv wahrgenommen und objektiv stattgefundenen inneren Prozessen vorhanden ist. Bei sogenannten Heartbeat-Tracking-Tests, die wir bislang primär zur Erhebung der interozeptiven Sensitivität herangezogen haben, müssen die Probanden beispielsweise ihren Herzschlag zählen, während dieser parallel auch mit einem EKG, Pulsoximeter oder auch einer Pulsuhr überwacht wird. Setzt man anschließend die subjektiven Werte ins Verhältnis zu den objektiven, hat man ein Maß für die individuelle interozeptive Sensitivität in Bezug auf den Herzschlag.

Prof. Dr. Beate Herbert

Prof. Dr. Beate Herbert

Mit einer ähnlichen Messmethode funktioniert das auch beim Magen. Nur ist es hier um einiges komplexer, da wir am Magen zum Beispiel auch berücksichtigen müssen, dass Menschen einen unterschiedlich großen Magen haben, der unterschiedlich auf Hunger und Sättigungssignale reagiert.  In meinen aktuellsten Publikationen ist dieses Verfahren ausführlich dargestellt auch andere Veröffentlichungen haben es zum Thema.

Hier findet sich eine Auflistung der Publikationen von Beate Herbert.

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