Wissenschaftsblog

Zum Jahreswechsel

In der deutschsprachigen Blogosphäre finden sich viele Plattformen, die von sich behaupten, die „Wahrheit“ zu verkünden. adhibeo möchte nicht zu diesen Blogs gezählt werden. Auch wenn das eigentlich klar sein sollte, muss das zum Jahresabschluss nochmal gesagt werden. Ein Kommentar von Tim Frohwein

Das Jahr 2016 wird in der historischen Rückbetrachtung später einmal eine herausgehobene Rolle einnehmen, hier sind sich die westlichen Jahresbilanzierer derzeit ziemlich einig. Unter anderem deshalb, weil es das Jahr war, in dem die Briten für den EU-Austritt stimmten und die US-Amerikaner für Donald Trump als nächsten Präsidenten. Einige Kommentatoren unterstellten dabei sowohl der Brexit-Bewegung als auch Trump, die Abstimmungen vor allem mit populistischen Mitteln gewonnen zu haben – weshalb ihrer Meinung nach das Jahr 2016 in der Retrospektive den Beginn des postfaktischen Zeitalters markieren wird. Und nicht zuletzt war 2016 – und unzweifelhaft lässt sich hier ein Zusammenhang mit den oben genannten Wahlereignissen herstellen – für viele das Jahr, in dem in den westlichen Industrienationen die etablierten Medien tiefer denn je in die Vertrauenskrise gestürzt wurden.

Auch in Deutschland ist im Jahr 2016 jener Teil der Bevölkerung größer oder zumindest selbstbewusster geworden, der dem, was in der BILD-Zeitung und im Spiegel zu lesen und dem, was in den Tagesthemen und bei RTL aktuell zu sehen und hören ist, keinen Glauben mehr schenkt. Für diesen Personenkreis zählen die genannten und viele weitere etablierte Nachrichtenquellen zu den „Merkel-Medien“ oder alternativ zur „Lügenpresse“: die dort arbeitenden Journalisten seien alle korrupt oder unfähig und würden deshalb nur jene Informationen verbreiten, die der herrschenden politischen Klasse in die Karten spielten, so der Vorwurf.

Um sich über das aktuelle Geschehen, z.B. über die tatsächliche Gefährdungslage durch in Deutschland ankommende Flüchtlinge oder die Hintergründe von Terrorakten, zu informieren, lesen diese Personen häufig lieber von Privatleuten betriebene Blogs, für die man den Sammelbegriff „Alternative Medien“ erdacht hat. Mit dem Argument, die „Wahrheit“ zu kennen und verbreiten zu wollen, werben viele dieser Blogs um die Gunst der Informationssuchenden – bei adhibeo handelt es sich, sollte dieser Eindruck unwahrscheinlicherweise an irgendeiner Stelle entstanden sein, nicht um einen solchen Blog.

Denn adhibeo ist ein Wissenschaftsblog. Und in der Wissenschaft gibt es eigentlich keine Wahrheiten. Es gibt dort vielmehr Theorien. Und es bestehen Möglichkeiten, diese Theorien zu überprüfen – indem man nämlich empirische Forschung betreibt, also mit Hilfe bestimmter Methoden nach Fakten sucht, die für oder gegen eine Theorie sprechen. Und konnte eine Theorie durch Fakten bestätigt werden, dann wird sich nicht auf diesem Ergebnis ausgeruht. Vielmehr wird die Theorie einer erneuten Überprüfung unterzogen – und diesmal nutzt man andere Methoden, sucht nach neuen Fakten, setzt die Theorie einer noch härteren Bewährungsprobe aus. Und so setzt sich das immer weiter fort. Nur auf diese Weise – so ist es auch beim Philosophen Karl Popper nachzulesen – gelangt der Mensch nach und nach zu neuen Erkenntnissen, nicht jedoch zu absoluten Wahrheiten.

Wenn sich auf adhibeo also ein Beitrag über eine wissenschaftliche Studie findet, die auf Basis von Umfragewerten zu dem Ergebnis gekommen ist, dass im Zuge der fortschreitenden Computerisierung und Roboterisierung der Arbeitswelt auch viele Jobs für Akademiker wegfallen werden, dann wurde in diesem Beitrag keine „Wahrheit“ ausgesprochen. Es wurde lediglich darüber berichtet, dass ein empirischer Beleg für die Theorie gefunden wurde, die Industrie 4.0 würde in der Zukunft Akademikerarbeitsplätze vernichten. So und nicht anders sollte dieser Beitrag gelesen werden. Das musste zum Abschluss dieses turbulenten Jahres nochmal gesagt werden.

Allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Über den Autor: Tim Frohwein leitet die Redaktion des Wissenschaftsblogs adhibeo und lehrt in den Bereichen Kommunikation und Soziologie an der Hochschule Fresenius München.

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