Wissenschaftsblog

Interview zum Tag des Ehrenamts

Sozial eingebunden zu sein ist ein Grund-
bedürfnis des Menschen. Mit Hilfe ehren-
amtlichen Engagements lasse sich dieses
Bedürfnis befriedigen, sagt Prof. Dr. Peter
Bak.

Am 05.12.2015 wird der Tag des Ehrenamts begangen. Selten hatte das Thema dieses Tages so viel Aktualität wie in diesem Jahr. Denn in der Flüchtlingskrise haben sich so viele Menschen wie nie zuvor dazu entschieden, sich ehrenamtlich zu engagieren. Mit dem Psychologen Prof. Dr. Peter Bak hat adhibeo über die psychologischen Hintergründe dieser Entscheidungen gesprochen.

adhibeo: Herr Prof. Bak, welche konkreten Motive verfolgen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren?

Peter Bak: Da lassen sich viele Motive nennen. Zum einen etwa der Wunsch, anderen zu helfen oder allgemein etwas Gutes für die Gesellschaft zu tun. Aber auch eher personenbezogene Gründe sind von Bedeutung: zum Beispiel sozialen Anschluss zu haben und sich mit anderen Menschen zu treffen.

Und explizit aus psychologischer Perspektive?

Aus psychologischer Perspektive lassen sich altruistische Beweggründe und egoistische Motive unterscheiden. Zum einen ist das Ehrenamt durch bestimmte Wertvorstellungen und das Erleben von sozialer Verantwortung geprägt. Dahinter verbirgt sich häufig die Meinung, dass eine Gemeinschaft in vielen konkreten Situationen nur dann funktionieren kann, wenn man auch selber mit anpackt. Das kann man durchaus als eine sozialpolitische Grundeinstellung auffassen.

Zum anderen aber ist die ehrenamtliche Tätigkeit durch egoistische Gründe zu erklären, wobei das Wort egoistisch keineswegs negativ gemeint ist. Aus der Tätigkeit für andere lässt sich nämlich sehr viel Sinn für das eigene Leben konstruieren. Das spielt gerade dann eine bedeutende Rolle, wenn das Sinnerleben eben nicht durch Beruf, Familie oder Hobbies erfüllt wird.

Zudem wird durch die ehrenamtliche Tätigkeit genauso das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit, nach Wertschätzung und sozialer Positionierung befriedigt. Nicht zu vergessen: Ich kann mich dabei auch weiterbilden und nebenbei noch Spaß und Spannung erleben. Das gemeinsame Tun für eine gute Sache kann also sehr viele und wichtige menschliche Bedürfnisse befriedigen.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht regelmäßig eine große Studie zum Thema Ehrenamt, den Deutschen Freiwilligensurvey. Laut dem Survey arbeiten die meisten Ehrenamtlichen – in absteigender Reihenfolge – in den Bereichen Sport und Bewegung, Schule und Kindergarten sowie Kirche und Religion. Der Bereich Justiz und Kriminalitätsprobleme schneidet am schlechtesten ab. Dabei könnte man doch gerade dort so viel Gutes bewirken. Wählen wir am Ende doch immer den bequemsten Weg, um, wie man so schön sagt, „der Gesellschaft etwas zurückzugeben“?

Ich denke, dass diese Ungleichverteilung im Engagement nicht nur mit dem Weg des geringsten Widerstandes zu tun hat. Immerhin engagieren sich die Menschen ja grundsätzlich. Viel eher erscheint mir dafür die Frage der Passung zwischen Bedürfnissen, Kompetenzen, Anforderungen und dem Erleben von Verantwortung eine große Rolle zu spielen.

Wenn ich mich etwa im Sportverein engagiere, kann ich damit meine selbstbezogenen und altruistischen Bedürfnisse befriedigen, fühle mich den Aufgaben auch gewachsen und erhalte positive Anerkennung. Und wenn einmal etwas nicht so klappt, wie gewünscht, dann ist das kein Beinbruch.

Engagiere ich mich aber beispielsweise im Bereich von Sozial- oder Kriminalitätsproblemen, fehlen mir womöglich die dafür nötigen Kompetenzen, oder zumindest nehme ich das an. Die Tätigkeit wird so schnell zur Überforderung. Zudem unterscheiden sich die Tätigkeiten, also Ehrenamt im Sportverein und z. B. die Unterstützung von straffälligen Jugendlichen, auch in der dadurch zu erwartenden Wertschätzung, die sicherlich im Turnverein unmittelbarer erfahrbar ist.

Ebenfalls Ergebnis des Deutschen Freiwilligensurveys ist, dass der Anteil der Bevölkerung in Deutschland, der nicht bereit ist, sich freiwillig zu engagieren, sinkt. Werden wir hilfsbereiter?

Dafür spricht einiges. Zum ersten kann man festhalten, dass das Verhältnis von Arbeit und Freizeit sich in den letzten Jahren zugunsten der Freizeit verändert hat. Zum anderen geht es vielen Menschen materiell gesehen gut. Wir haben also mehr Zeit und ausreichend Ressourcen. Und da kann sich dann durchaus die Frage stellen, was wir sinnvollerweise damit anfangen.

Zudem steckt hinter dem verstärkten Engagement vielleicht auch das bereits erwähnte Motiv nach sozialem Anschluss, nach einer sozialen Verortung. Viele Menschen erleben die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Lebensstils, der auf materiellem Wohlstand beruht, nicht nur als Segen. Denn, wir können uns zwar vieles kaufen, die soziale Eingebundenheit, die einem grundlegenden menschlichen Motiv entspricht, jedoch nicht. Die ehrenamtliche Tätigkeit kann diese Lücke schließen.

Gerade in den letzten Monaten fiel der Begriff Ehrenamt in der Öffentlichkeit sehr häufig, meist im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Hundertausende legten und legen hier große Hilfsbereitschaft an den Tag. Könnte dieses Phänomen dazu beitragen, dass sich der gesellschaftliche Stellenwert von ehrenamtlichem Engagement verändert und sich in Zukunft mehr Menschen gesellschaftlich einbringen?

Es ist großartig und beeindruckend, wie viele Menschen sich in diesen Tagen für Flüchtlinge einsetzen. Dieses Engagement beeindruckt umso mehr, wenn man bedenkt, mit welchen Etiketten die Deutschen häufig bedacht werden. Ich denke, dass die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe einfach auch damit zu tun hat, dass vielen Menschen in dieser globalisierten Medienwelt klar ist, dass das Flüchtlingsproblem kein nationales Problem ist, sondern uns alle direkt und unmittelbar trifft.

Zudem erleben die Menschen, vor deren Haustür die Flüchtlinge ins Land kommen, also an den Grenzen, dass es sich eben nicht um eine gesichtslose Menschenmasse handelt, sondern um sehr viele einzelne Menschen. Männer, Frauen und Kinder. Da fällt es schwer, weg zu sehen und das Problem zu ignorieren.

Prof. Dr. Peter Bak

Prof. Dr. Peter Bak

Ich glaube aber nicht, dass die Flüchtlingskrise generell zu einer nachhaltigen Steigerung im Ehrenamt führt. Es scheint mir im Gegenteil nicht ganz abwegig, dass die ehrenamtlichen Tätigkeiten im Wettbewerb miteinander stehen. Wer sich an einer Stelle schon engagiert, der wird es an anderer Stelle womöglich nicht tun.

Wenn diese Welle der Hilfsbereitschaft allerdings den Effekt hätte, dass wir zu einem verstärkten bürgerlichen Engagement kämen – und zwar nicht nur im Hinblick auf die Flüchtlinge, sondern allgemein –, dann wäre damit auch eine wichtige Voraussetzung geschaffen, um uns als mündige und verantwortungsvolle Bürger an der Gestaltung unserer demokratischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beteiligen. Eine schöne Vorstellung, die allerdings auch ein Umdenken von uns allen fordert. Weg vom passiven Gesellschaftsmitglied, hin zum aktiven Teilnehmer.

Kommentar schreiben




Kommentar

Kommentare

Print Friendly, PDF & Email
rss fb twitter xing yt gplus