Wissenschaftsblog

Nachhaltigkeit – mehr als eine Modeerscheinung

Die Durchsetzung von Nachhaltigkeits-
standards hat mittel- bis langfristig positive
Effekte auf die Wirtschaftlichkeit – das gilt
besonders für Modeunternehmen.

Wenn ein Unternehmen sozial und ökologisch nachhaltig agieren will, muss es erst einmal Geld in die Hand nehmen. Weil viele diese Investitionen scheuen, finden sich gerade in der Modebranche immer noch einige wenig vorbildhafte Unternehmen. Dabei lohnt sich Nachhaltigkeit vor allem dort – man muss nur etwas Geduld haben. Eine an der Hochschule Fresenius Köln entstandene Masterarbeit zeigt nun auf, welche wirtschaftlichen Vorteile Modeunternehmen durch die Implementierung nachhaltiger Prinzipien entstehen.

Nachhaltigkeit in der Modeindustrie – ein Thema, mit dem sich adhibeo schon vor einigen Wochen beschäftigt hat. Damals ging es um die Bachelorarbeit von Annika Hammann. Die Absolventin der Hochschule Fresenius Hamburg fand in ihrer Umfrage heraus, dass Marken von Konsumenten dann als nachhaltiger wahrgenommen werden, wenn sie ihre Produkte teurer verkaufen. So trauten Hammanns Probanden dem Bekleidungsunternehmen Lacoste eher die Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards bei der Produktion zu als den vergleichsweise günstigeren Anbietern Zara und Primark. Das Paradoxe daran: Im bekannten Nachhaltigkeitsranking von „Rank a Brand“ schneiden alle drei Marken nicht gut ab, Lacoste im Vergleich sogar am schlechtesten.

Es bleibt abzuwarten, ob Lacoste dieses Image noch lange aufrechterhalten kann. Laut Prof. Dr. Heinz Walterscheid, Studiendekan Logistik und Handel an der Hochschule Fresenius Köln, wird beim Thema Nachhaltigkeit nämlich vor allem in der Modeindustrie immer genauer hingesehen: „Gerade auch aufgrund der ausgiebigen medialen Berichterstattung über die widrigen Arbeitsbedingungen oder die Umweltverschmutzungen in einigen Produktionsländern hat der Druck auf die Modeunternehmen in den letzten Jahren eindeutig zugenommen. Wer hier die Prinzipien der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit weiterhin missachtet, der wird viele Konsumenten, Lieferanten, Investoren und Mitarbeiter vergraulen – und das geht am Ende zu Lasten der Wirtschaftlichkeit.“ Genau der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verdiene mehr Aufmerksamkeit, so der Handelsexperte weiter, denn: „Viele Unternehmen zögern aufgrund hoher Anfangsinvestitionen bei der Umsetzung nachhaltiger Ideen. Dabei werden sich diese Investitionen schon in wenigen Jahren auszahlen.“

Aktuelle Studie: Experten aus der Modebranche benennen die wirtschaftlichen Vorteile nachhaltiger Unternehmensführung

Auch andere Experten sind von diesen positiven wirtschaftlichen Effekten überzeugt. In einem Artikel, den Walterscheid erst kürzlich zusammen mit dem Fresenius-Kollegen Prof. Dr. Frank Lasogga und der Absolventin Fenja Nickelsen in der Fachzeitschrift „Logistik für Unternehmen“ veröffentlicht hat, thematisiert er die Ergebnisse einer Expertenumfrage. Sie entstand im Rahmen von Nickelsens Masterarbeit und basiert auf 15 Interviews mit Vertretern der Modebranche, darunter leitende Angestellte von Good Practice-Unternehmen, Beratungen, NGOs und technischen Dienstleistern der Fashion-Branche. Die Auswertung der Gespräche zeigt: Die Befragten glauben an die wirtschaftsförderliche Wirkung der Nachhaltigkeitsimplementierung.

Sie verweisen beispielsweise darauf, dass durch die Einhaltung nachhaltiger Standards das Risiko von Strafzahlungen verringert werde. Zudem sei man für potentielle Investoren, Zulieferer und Mitarbeiter als Kooperationspartner bzw. Arbeitgeber attraktiver. „Insbesondere Vertreter der Generation Y, von denen viele gerade am Anfang ihrer Berufslaufbahn stehen, achten bei der Wahl des Arbeitgebers darauf, ob dieser in Sachen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit gut aufgestellt ist“, ergänzt Walterscheid. Und zu guter Letzt – hier sind sich die befragten Experten ebenfalls einig – wirkt sich die Durchsetzung von Nachhaltigkeitsstandards positiv auf den Produktabverkauf aus: Der zunehmend kritischer werdende Modekonsument kauft eben lieber dort ein, wo er weiß, unter welchen Bedingungen seine Kleidung produziert wurde.

Prof. Dr. Heinz Walterscheid

Prof. Dr. Heinz Walterscheid

Doch wie nun den genannten Stakeholdern überhaupt zeigen, dass man bemüht ist, nachhaltige Standards einzuhalten? Hier schlagen die befragten Experten vor, mehr Transparenz zu schaffen. Dabei gelte es, auch mit kritischen Themen und Misserfolgen offen umzugehen. Auch die Zusammenarbeit mit Zertifizierungsunternehmen könne helfen. Das sieht auch Prof. Walterscheid so: „Nachhaltigkeitssiegel werden in der Wahrnehmung der Kunden immer wichtiger. Wer das Siegel einer unabhängigen Organisation trägt – zum Beispiel einer NGO, die sich auf die Bewertung von Nachhaltigkeitsstandards spezialisiert hat –, der wird als glaubwürdiger und authentischer eingeschätzt.“ Allerdings erhalte man ein solches Siegel eben nur, sofern gewisse Nachhaltigkeitsstandards auch tatsächlich umgesetzt seien – „ohne Geld zu investieren, schafft man das aber nicht.“

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