Wissenschaftsblog

Kreativität ist nicht immer effizient

Kreativität bedeutet, auch mal um die Ecke
zu denken. Doch es steckt noch viel mehr
hinter dem Begriff.

Kreativität – damit punktet die deutsche Wirtschaft, hier sind sich Experten einig. Doch so gut steht es gar nicht um die Innovationskultur in deutschen Unternehmen, sagt István Garda, Personalpsychologe und Dozent an der Hochschule Fresenius München. In einem kürzlich erschienenen Essay erklärt er, woran es mangelt – und wie man es besser machen kann.

Die in der vergangenen Woche veröffentlichte PISA-Studie stellt deutschen Schülern ein gutes Zeugnis aus: Im internationalen Vergleich haben sie überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, die Maßnahmen, die nach dem sogenannten „PISA-Schock“ im Jahr 2001 getroffen wurden, scheinen Wirkung gezeigt zu haben.

Am besten schneiden bei der weltweiten Bildungsstudie weiter asiatische Regionen ab: Shanghai, Singapur und Hongkong belegen die vorderen Plätze. Experten warnen jedoch davor, sich an deren Systemen zu orientieren. Denn in diesen Ländern herrscht eine andere Bildungskultur, in der es vor allem um Fleiß und ausgeprägte Lernzeiten geht.

Nächtliche Nachhilfestunden nach einem langen Schultag seien dort keine Seltenheit, kommentierte der Bildungsexperte Jörg Dräger nach Bekanntwerden der Ergebnisse im ZDF. „Kreativität und Eigenständigkeit können dabei verlorengehen“, warnte er und verwies darauf, dass man gerade das in Deutschland zu verhindern wisse: In der Hoffnung, dass sie später im Berufsleben eben nicht nur Dienst nach Vorschrift machen, sondern auch eigene Ideen einbringen, lässt man den Schülern hierzulande mehr Freizeit und Raum zur Entfaltung.

Angela Merkel und Co. sind sich der Bedeutung von Innovativität bewusst – dennoch findet sich in vielen Unternehmen ein kreativitätsfeindliches Klima

Dank der Kreativität zukünftiger Generationen wird Deutschland wohl weiterhin ein attraktiver Wirtschafts- und Lebensstandort bleiben. Wichtige gesellschaftliche Akteure haben diesen Zusammenhang erkannt: „Politiker aller Lager betonen die Bedeutung der Innovation für Wirtschaft und Gesellschaft“, schreibt der Personalpsychologe und Hochschuldozent István Garda in seinem Essay „Human Resources und der kreative Imperativ“. Zwischen diesem Anspruchsdenken und der Wirklichkeit klaffe jedoch noch eine große Lücke. Denn so sehr die Heranwachsenden auch zum kreativen Denken ermuntert werden, im Arbeitsleben wird ihnen oft ein Riegel vorgeschoben: Jedes zweite Unternehmen in Deutschland sei „ausgeprägt kreativitätsfeindlich“, formuliert es Garda und stützt sich dabei auf empirische Befunde.

Zwar beobachtet er in zahlreichen Firmen Bestrebungen, die ein innovationsfreundliches Klima erzeugen sollen. Den getroffenen Maßnahmen fehle es jedoch meistens an der Akzeptanz von Seiten der Belegschaft. Wer als Mitarbeiter zum Beispiel Angebote wie das eines eigens eingerichteten „kreativen Raumes“ nutze, der ernte oftmals „missbilligende Blicke oder Bemerkungen von Vorgesetzten und Kollegen“, schreibt Garda.

Deshalb müsse man eine „Innovationskultur“ im Unternehmen verankern, fordert im Gespräch mit adhibeo. Ansonsten verschenke man Potential: „Mitarbeiter haben nämlich durchaus einen natürlichen Drang dazu, innovativ zu sein und mitzugestalten.“

Kreativität zulassen bedeutet auch, sich vom radikalen Effizienzdenken zu verabschieden

Wer stattdessen dieses kreative Potential nutzen möchte, der muss in seinem Unternehmen entsprechende Voraussetzungen schaffen. „Die Geschäftsführung sollte den Mitarbeitern Freiräume zur Verfügung stellen, daneben aber aufpassen, dass man keinen zu großen Druck aufbaut“, erklärt Garda. Um für mehr Akzeptanz zu sorgen sei außerdem ein durchdachtes Anerkennungssystem vonnöten – wobei hier auch die auf den ersten Blick abwegigen Ideen belohnt werden sollten: „Man muss sich dabei ein Stückweit vom Effizienzdenken lösen. Denn einerseits führt der kurze, einfache Weg oft nur zu herkömmlichen Ideen und andererseits braucht es viele kreative Einfälle bis zu einer implementierten Innovation.“

Hält die Innovationskultur in deutschen Unternehmen für verbesserungswürdig: István Garda, Personalpsychologe an der Hochschule Fresenius München.

Hält die Innovationskultur in deutschen Unternehmen für verbesserungswürdig: István Garda, Personalpsychologe an der Hochschule Fresenius München.

Dennoch könne man auf lange Sicht nur so von der Innovationskraft der Mitarbeiter profitieren, ist sich Garda sicher. Die traditionellen Bemühungen der Unternehmen zur Steigerung von Kreativität – zumeist lässt man die Angestellten an einem entsprechenden Workshop teilnehmen – seien zwar zunächst eine sinnvolle Sache. „Doch was bringt es, wenn ich fünf Kreativitätstechniken kenne, sie aber im Arbeitsalltag nicht anwenden kann“, gibt Garda zu bedenken.

In einem innovationsfreundlichen Klima können die Mitarbeiter ihren Ideen freien Lauf lassen – und so kommt schließlich zum Tragen, wofür schon zu Schulzeiten die Weichen gestellt wurden.

Über die Publikation: István Gardas Essay „Human Resources und der kreative Imperativ“ ist in der Novemberausgabe des Fachmagazins „Human Resources Manager“ erschienen.

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