Wissenschaftsblog

Serie “Junge Unternehmen”, Teil 3: Coaches auf vier Beinen

Am Anfang noch sind Startups zarte Pflänzchen
in den Händen junger Unternehmerinnen und
Unternehmer. Dann gilt es, sie ausreichend mit
Wasser zu versorgen – es soll ja etwas Großes
daraus entstehen.

Coaching zählt zu den beliebtesten Weiterbildungsmaßnahmen in deutschen Unternehmen. Meistens arbeiten hier Menschen miteinander. Manchmal aber kommen auch Tiere zum Einsatz – zum Beispiel Pferde. „Pferdegestütztes Coaching“ nennt sich diese spezielle Coaching-Form. Dabei sollen die Tiere, denen eine hohe Sensibilität nachgesagt wird, den Teilnehmern „den Spiegel vorsetzen“, erklärt Kathrin Schütz, Absolventin der HS Fresenius Köln. Die Wirtschaftspsychologin betreibt seit 2011 das Unternehmen Pferdecoaching Eifel. Seit der Geschäftsgründung hat sie einiges erlebt – und gesehen, wie so manch erfahrener Manager von Gefühlen überwältigt wurde.

Was tun, wenn die Führungskraft im Umgang mit den Mitarbeitern versagt? Immer mehr Unternehmen wenden sich in solchen Fällen an Coaches. Schon 2006 zählten 27 von 86 im Rahmen einer Studie befragten Unternehmen das Coaching zu den bedeutendsten Weiterbildungsmaßnahmen. Inzwischen dürfte es weit populärer sein. Darauf lässt auch die große Anzahl an praktizierenden Coaches in Deutschland schließen: Rund 8000 soll es laut einer Analyse des Deutschen Bundesverbandes Coaching geben. Damit zählt Deutschland nach den USA und dem Vereinigten Königreich die meisten Personen in diesem Berufsfeld. Ihr Geld verdienen die Coaches durch „die professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs-/Steuerungsfunktionen und von Experten in Unternehmen/Organisationen“, heißt es in einer Definition. Ziel ist es dabei, dem „Gecoachten“ eigene Stärken und Schwächen aufzuzeigen und so eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit einzuleiten.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen aber nicht immer nur menschliche Coaches eingesetzt werden. Davon ist auch Kathrin Schütz, Absolventin der HS Fresenius Köln, überzeugt. Die 27-jährige Wirtschaftspsychologin leitet zusammen mit ihrer Partnerin Johanna Cromme seit über zwei Jahren das Unternehmen Pferdecoaching Eifel – mit Erfolg: „Wir schreiben seit Anfang des Jahres schwarze Zahlen“, berichtet Schütz stolz. Zwar betreibe sie das Coaching immer noch „mehr oder weniger nebenbei“ – ihr Geld verdient sie vor allem als Dozentin an der HS Fresenius, außerdem schreibt sie derzeit an ihrer Doktorarbeit –, gegen eine hauptberufliche Tätigkeit als Pferdecoach hätte sie aber nichts, gibt Schütz zu.

Serie 'Junge Unternehmen'

Im Laufe ihres Studiums haben viele Studierende eine gute Geschäftsidee. Zumeist jedoch fehlt ihnen der Glaube an den eigenen Erfolg oder das Wissen über den Markt – die Idee bleibt in der Schublade liegen. Einige wenige aber wagen den nächsten Schritt und gründen ein eigenes Unternehmen. In unserer Serie „Junge Unternehmen“ stellen wir Fresenius-Absolventen vor, denen die Idee nicht genug war. Heute: Kathrin Schütz, Mitgründerin von Pferdecoaching Eifel.
Bisher wurden porträtiert:

Einige zweifeln an der Wirksamkeit des Pferdecoachings – die Teilnehmer aber berichten von nachhaltigen Veränderungen

Denn Pferde seien ihr „absolutes Hobby“ – und das Hobby zum Beruf machen, das ist für viele ein Lebensziel. Natürlich ist das pferdegestützte Coaching auch mit Arbeit verbunden: „Für die Entwicklung unseres Konzepts haben wir sehr viel Zeit aufgewendet“, sagt Schütz. Dabei sei es ihr und ihrer Geschäftspartnerin Johanna Cromme auch darum gegangen, ein hochwertiges Produkt zu schaffen. Denn als Anbieter pferdegestützter Coachings hat man es nicht leicht: Einige belächeln die Coaching-Form und hegen Zweifel an ihrer Wirksamkeit. Wissenschaftliche Studien, die die Skeptiker zum Schweigen bringen könnten, liegen bislang nicht vor. Kathrin Schütz aber zweifelt nicht an ihrer Methode – und dazu hat sie auch keinen Grund: „Das Feedback unserer Kunden ist durchweg positiv“, sagt sie. Viele der Kursteilnehmer berichteten noch Wochen später, wie nachhaltig sie das Pferdecoaching geprägt habe. „Die Leute kommen durch das Coaching zu neuen Erkenntnissen über sich selbst und setzen diese dann auch um“, erzählt die 27-Jährige.

Welche Erfahrung aber ist es, die die Coaching-Teilnehmer zu dieser neuen Selbstwahrnehmung führt? Es ist die Erfahrung, dass auch kleinste Nuancen des eigenen Verhaltens registriert werden können. „Pferde sind, bedingt durch ihre ursprüngliche Lebensweise, zunächst einmal Fluchttiere, die auf jede noch so kleine Veränderung in der Umgebung oder in der Beziehung zu ihren Sozialpartnern achten müssen, um möglicherweise drohenden Gefahren begegnen zu können“, schreiben die Pädagoginnen Petra Brandes und Cathrin Germing in einer der seltenen wissenschaftlichen Publikationen zum Thema. Für Kathrin Schütz auch der Grund, warum sich die Tiere für Coaching-Zwecke besonders gut eignen: „Pferde reagieren auf jede Kleinigkeit und halten so dem Gegenüber den Spiegel vor.“ Versteckte Verunsicherung, die ein menschlicher Interaktionspartner vielleicht gar nicht bemerkt, ist für ein Pferd eben durchaus spürbar. Und so wird ein Befehl verweigert, obwohl er vielleicht formal korrekt war.

Am Ende eines Seminartages werden die Teilnehmer auch mal emotional – sogar erfahrene Führungskräfte

Zweifelt nicht an der Wirksamkeit des pferdegestützten Coachings: Kathrin Schütz von Pferdecoaching Eifel.

Zweifelt nicht an der Wirksamkeit von pferdegestützten Coachings: Kathrin Schütz von Pferdecoaching Eifel.

„In diesem Moment fangen unsere Kunden an, über sich selbst und ihre Wirkung auf andere nachzudenken“, erklärt Schütz. Nach und nach werde ihnen die Vielschichtigkeit des eigenen Kommunikationsverhaltens bewusst – „vor allem, was die nonverbale Ebene angeht“, so die Wirtschaftspsychologin. Denn auf dieser findet nachweislich ein Großteil der Kommunikation statt – eben auch zwischen Menschen. Am Ende des Seminartages, der einen Theorieteil und eine Videoanalyse umfasst, haben die Teilnehmer dann so viel über sich gelernt, dass ihnen der richtige Umgang mit den Pferden gelingt. „Wenn dieser Augenblick gekommen ist, sind einige den Tränen nahe“, berichtet Schütz. Selbst erfahrene Führungskräfte zeigen dann Emotionen.

Nicht nur Führungskräfte und Manager zählen Schütz und ihre Partnerin aber zu ihren Kunden, auch Privatpersonen zeigen Interesse: „Einmal hat sich eine Mutter an uns gewendet. Sie erhoffte sich vom Coaching, danach wieder besser mit ihrer pubertierenden Tochter umgehen zu können“, schmunzelt Schütz. Auch diese Aufträge nimmt das Team von Pferdecoaching Eifel gerne entgegen: „Wir freuen uns über abwechslungsreiche Aufgaben.“

Und so kommt es, dass die Coaching-Seminare meist über Wochen ausgebucht sind – allerdings werden sie bislang auch hauptsächlich am Wochenende angeboten. Vielleicht ändert sich das bald: Vor kurzem haben Kathrin Schütz und Johanna Cromme eine große Bank als Neukunden gewonnen – möglich, dass aus dem Neben- doch irgendwann ein Hauptberuf wird.

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Aber ist die Message dann: Behandeln sie ihre Mitarbeiter wie Pferde?

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